Friesenheim "Zwei Tage später wäre ich gestorben"

 Tief bewegt haben am Donnerstagabend rund 80 Gäste den Zeitzeugenbericht von Werner Reich zugehört. Auf Einladung der Realschule und Werkrealschule Friesenheim ist der Holocaustüberlebende von Amerika nach Friesenheim gekommen.

F riesenheim. Die Häftlingsnummer "A1828" auf dem Unterarm von Werner Reich ist verblasst. Der 91-Jährige erzählte die Grausamkeit des Holocausts im Detail – aus eigener Erfahrung. Angespannt hörten die Besucher dem Bericht zu.

1,1 Millionen Menschen wurden in Auschwitz umgebracht. Reich zählte zu den 200000 Menschen, die überlebten. Am 5. Mai 1945 war er 17 Jahre alt und wog gerade einmal 29 Kilogramm. "Zwei Tage später wäre ich gestorben", erzählt Reich.

Als er sechs Jahre alt war, floh seine Familie von Berlin nach Zagreb. Die Familie fand Unterschlupf konnte sich im früheren Jugoslawien verstecken. Sein Vater starb im Jahr 1940. "Im Alter von 15 Jahren wurde ich von sechs Gestapoleuten entdeckt, verprügelt, verhaftet und in eine Zelle gesperrt", berichtet er. Nach drei Tagen wurde er nach Slowenien gebracht und später nach Graz. "Dort habe ich auf dem Hof der Polizei aus dem Fenster schauend, zum letzten Mal meine Mutter gesehen hat."

Seinen Vortrag speist Reich mit geschichtlicher Hintergrundinformation und historischen Bildern, die den Atem der Zuhörer stocken ließen. Er beschreibt, wie er mit 100 Leuten in einen Viehwaggon gepackt, auf engstem Raum, mit nur einer Kanne als Toilette, drei Tage unterwegs war. Er erzählt, wie SS-Leute mit Stöcken Menschen aus dem Viehwaggon prügelten und auf die Gaskammern verteilten. "Zurück blieb ein riesiger Karton gefüllt mit Eheringen", erinnert sich Reich.

Zu essen hätte es eine aus Eicheln gekochte braune Brühe, eine Scheibe Brot aus Mehl und Sägmehl oder eine in Salzwasser ungewaschene gekochte Kartoffel gegeben. "Weil die Vitamine fehlten, fielen uns die Zähne aus", erzählt Reich. Viele Menschen begingen Suizid am elektrischen Lagerzaun.

Obwohl Reich aus einem fotografischen Gedächtnis heraus erzählte, habe er das Leben in Auschwitz aus seinen Gedanken gestrichen – auch aus seinen Träumen. "Nie wollte ich erfahren, was aus meiner Mutter wurde. Ich will sie lebendig in meiner Erinnerung bewahren",erklärt Reich. Seine Schwester ist zu ihm nach Amerika gekommen und 1999 gestorben.

Erstmals nach 85 Jahren hat Reich deutschen Boden betreten. Erstmals nach mehr als 70 Jahren wieder Deutsch gesprochen. Die Worte kehren zurück. Gekommen ist Reich, weil seine Freundin Eva Mendelson-Cohn, ebenfalls Zeitzeugin, ihn ermunterte: "Komm und erzähl vom Holocaust und klär die Jugend auf", hätte sie ihn gebeten. Aufmunternde Worte hatte Reich zum Ende des Vortrags: "Es ist richtig hier zu sein und ich stelle fest in Deutschland trägt die Jugend genauso zerrissene Hosen wie in Amerika."

Werner Reich ist am 1. Oktober 1927 in Berlin zur Welt gekommen. Im Jahr 1933 floh er mit seiner Familie nach Zagreb, 1942 wohnte er in Theresienstadt. Am 18. Mai 1944 wurde er nach Auschwitz gebracht. Im Januar 1945 erfolgte der Todesmarsch ins Konzentrationslager nach Mauthausen in Österreich. Dort war er bis zum 5. Mai 1945. Von 1945 bis 1947 lebte er in Zagreb, bevor er 1947 bis 1955 nach Großbritannien zog. Von 1955 bis heute lebt er in den USA.

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