Friesenheim Keine Kunst für die Ewigkeit

Noch nicht ganz fertig: Zwei junge Männer haben sich nach ihrem Feierabend an der Wand bei Oberweier getroffen und an neuen Werken gearbeitet. Die Lahrer Zeitung durfte bei der Entstehung zusehen, die beiden Sprayer wollten aber anonym bleiben. Foto: Bohnert-Seidel Foto: Lahrer Zeitung

Seit 15 Jahren gibt es in auf dem Platz in der Palmengasse in Oberweier eine Wand, die den Graffitikünstlern frei zur Verfügung steht. Die Lahrer Zeitung hat sich einmal die Entstehung eines Werks angesehen und den Sinn dahinter erfragt.

Oberweier. Graffitikunst gibt es in Friesenheim an vielen Wänden zu sehen. Was sie letztlich bedeutet, ist nicht immer ersichtlich. "Jeder sieht etwas anderes darin", sagt ein 24-Jähriger gegenüber der Lahrer Zeitung, der anonym bleiben möchte. Neben ihm arbeitet ein weiterer junger Mann an der Graffitiwand in Oberweier. In der Gemeinde gibt es nur diese eine Mauer, die für die Künstler freigegeben wurde – überall sonst ist das Sprayen eine Straftat. Initiiert hat es vor mehr als 15 Jahren der frühere Ortsvorsteher Richard Haas. Zu den Künstlern an der Mauer zählen auch immer wieder Friesenheimer, die schon seit vielen Jahren in der Szene unterwegs sind. "Wir haben schon Schriftzüge von 1996 gefunden", stellen die Männer fest.

Die Künstler freuen sich. Bauhofleiter Bernhard Hertweck war mit seinem Bauhofteam hier. Frei von jeglichem Bewuchs zeigt sich die Graffitiwand. Mit seinem Kumpel, er nennt sich Fritz, hat der 24-Jährige an einem Montagnachmittag die Spraydosen ausgepackt. Die Beiden vervollständigen ein Werk, mit dem sie bereits vor einigen Tagen begonnen haben. Was sie zeigen, sind Schriftzeichen, die aus der Bewegung heraus entstehen. Ein höherer Sinn bleibt aus. "Jeder soll darin sehen, was er will", sagt der Jugendliche aus Lahr.

Der 24-Jährige greift zur Dose mit grauer Farbe. Ein vermummtes Wesen entsteht in gut eineinhalb Metern Höhe, ob Mann, Frau oder Divers sei einerlei. "Ich will auch keine politische Statements abgeben", sagt der Künstler. Einfach nur in aller Ruhe etwas sprayen. Vier Wandelemente weiter vorne ist ein junger Mann aus Lahr bei der Arbeit. In die Quere kommt sich niemand. Wie oft die Wand von knapp 30 Metern Länge tatsächlich schon neu grundiert wurde, weiß niemand.

Auf laute Musik wird während des Sprayens verzichtet

Am Boden liegen knapp einen halben Zentimeter dicke Placken von Wandresten, die ausschließlich aus der Patina der vergangenen Jahren entstanden sind. Müll liegt keiner herum. "Wir nehmen alles wieder mit", versichern die Beiden. Wenn hin und wieder eine leere Dose im Dickicht verschwindet, sei das dem Eifer oder dem hohen Gras geschuldet.

Der junge Mann aus Lahr ist mit dem Fahrrad gekommen. Auf laute Musik werde verzichtet. Vielmehr würde die Ruhe nach einem langen Arbeitstag genossen. Mit Respekt wird sich gegenüber der guten Arbeit des Vorgängers fast schon verneigt. Bewundernd schauen sie auf die Kunst eines Kollegen. "Ein tolles Werk", kommt es aus einem Munde. Aber die Spraykunst ist nicht für die Ewigkeit. Will ich etwas Dauerhaftes, setze ich mich zuhause an den Malblock, so der Tenor. Graffiti sei eine Kunst, die den Grad der Vergänglichkeit in sich birgt. Ein bisschen vergleichbar einer Sandburg, die am Strand, von der nächsten Flut wegwischt wird.

Die Sonne steht schon tief, als die Beiden ihre Dosen wieder einpacken. Ob das Werk am Folgetag noch da sein wird, wer weiß. "Wenn morgen schon jemand ein anderes Werk drüber macht, wäre das schade", sagt der 24-Jährige. Aber alle weiteren Tage seien in Ordnung. Die Graffitikunst lebe vom Moment, von der Dynamik und der Vergänglichkeit, das ist auch den Künstlern in Oberweier bewusst.

Weitere Wände, auf denen Sprayer legal ihre Graffitikunst ausleben dürfen, gibt es unter anderem in Lahr, in Niederschopfheim oder in Offenburg.

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