Friesenheim Ein Stück, das nachdenklich macht

Ein schweres, aber brandaktuelles Thema hat sich die Theater-AG am Bildungszentrum für ihre Aufführung ausgesucht: die Vorurteile über und die Integration von Flüchtlingen. Kinder aus der Integrationsklasse kommen dabei auch zu Wort. Foto: Bohnert-Seidel Foto: Lahrer Zeitung

Die Theater-AG der Real- und Werkrealschule hat in Zusammenarbeit mit der Grundschule Friesenheim "Das war Amir" von Ulrich Munz präsentiert. Ein Stück, das unter die Haut geht.

 

Friesenheim. "Ich weiß nicht, wer mich angegriffen hat. Es ging alles so schnell", weinerlich schildert Elli einen Überfall auf der Schultoilette. Kurz habe sie im Spiegel eine Bewegung wahrgenommen. Elli ringt um Fassung. Das Basketballspiel auf dem Schulhof stoppt. Schüler hören aufmerksam zu. Es rattert in den Köpfen. Ellis Satz: "Ich habe nichts gesehen", verhallt in diesen Gedankengängen, die allmählich offen und laut in Dialogen ihren Weg finden.

"Hat irgendjemand mit Amir gesprochen?", hängt schon als Vorwurf in der Luft. Elli hatte nichts gesehen und auch keinen Verdacht, dafür brodelt es in der Gerüchteküche auf dem Schulhof umso mehr. Willkürlich wird Amir, ein Neuer aus der Parallelklasse, ein Flüchtling, zum Täter stilisiert. Niemand anderes kommt in Betracht.

Die Jugendlichen schaukeln sich auf dem Schulhof in ihren Vermutungen soweit hoch, dass aus Vermutungen Tatsachen werden und es in der Argumentationskette kaum ein Zurück gibt. Die Theatergruppe am Bildungszentrum hat sich wirklich kein leichtes, aber umso aktuelleres Thema ausgesucht. Stark, eindrucksvoll und authentisch spielt die Gruppe ihre Rolle. "Wer soll es sonst gewesen sein?", schnell wird aus einer Frage eine Begründung und eine These, die sich aus der gängigen Kette von Vorurteilen belegt und bedient wird. Eltern werden über eine Videosequenz beim Besuch der Klassenlehrerin eingeblendet. "Wer soll es sonst gewesen sein, als dieser Flüchtling? Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Flüchtlinge."

Die Sätze gehen unter die Haut und treffen unwillkürlich, berühren, weil sie nicht einfach aus der Luft gegriffen sind, sondern durchaus mal lauter, mal auch nur leiser, in anderem Zusammenhang auftauchen und irgendwie schon mal gehört wurden. Vielleicht den Zuhörer auch an der eigenen Nase zu fassen kriegen.

Integrationsklasse schildert ihre Erlebnisse

"Das war der Flüchtling, die haben sowieso kein gutes Frauenbild", die Vorurteilskette reiht sich nahtlos auf dem Schulhof ein. Schüler, die versuchen sich etwas bedeckt zu halten, erfahren selbst Ausgrenzung und Beschimpfung. Selbst die Polizei scheint mit ihren konkreten und logischen Fragen nicht weiterzukommen. Vielmehr werden Fragen im Mund herumgedreht. "Wie, verdächtigen Sie jetzt uns?"

Ganz zum Schluss werden Kinder aus Syrien, Afghanistan und Rumänien eingeblendet. Kinder, die authentisch sind, deren Sehnsucht nach Normalität und Dazugehörigkeit greifbar wird. Schüler, die sich am Bildungszentrum in der Vorbereitungsklasse befinden. Jedes Kind brachte seine Freude darüber zum Ausdruck, in Deutschland leben zu dürfen und hatte auch keine Scheu das Leben und die Integration als Herausforderung zu erkennen.

Lob gab es von Schulleiterin Angelika Philipzen. Sie dankte den Schülern und ihren Lehrerinnen Stefanie Rist und Annika Stahl. "Es ist ein Stück, das zum Nachdenken anregt. Vielen Dank für die tolle Leistung. Kompliment an alle Mitwirkenden", erklärte Philipzen. Das Theaterstück wird am heutigen Freitag nochmals für Schulklassen aufgeführt und soll anschließend in den Klassen für Impulse in der weiteren Arbeit sorgen.

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