Freiburg Talent aus Gambia träumt von der Bundesliga

Beim 3:1-Erfolg des FV Sulz gegen den FV Rammersweier wird der pfeilschnelle Ousman Bojang hart attackiert. Der 19-jährigeAußenangreifer legt das 2:0 auf und besorgt das 3:0 selbst. Immer wenn der Torjäger trifft, gewinnt der FV bisher auch. Foto: Künstle

Nach einer dreijährigen Odyssee bei seiner Flucht aus Westafrika hat Ousman Bojang in der Ortenau Fuß gefasst. Sportlich gesehen, will der 19-Jährige hoch hinaus. Im Januar steht ein Probetraining bei der Fußballschule des SC Freiburg an.

 

Ousman Manneh hat es geschafft. Der damals 17-Jährige floh aus seiner Heimat Gambia nach Deutschland und erfüllte sich 2016 seinen Traum: Er debütierte in der Bundesliga für Werder Bremen. In seinem vierten Spiel in der höchsten deutschen Spielklasse schrieb der 19-Jährige ein weiteres Kapitel in dieser Bilderbuch- Geschichte: Manneh machte das Spiel seines Lebens, legte ein Tor vor und besorgte selbst den 2:1-Siegtreffer gegen Bayer Leverkusen. Sein Namensvetter Ousman Bojang kommt ebenso aus Gambia und verfolgt das gleiche Ziel. »Ich habe bereits als Kind davon geträumt in der Bundesliga zu spielen«, macht der 19-Jährige keinen Hehl daraus, hoch hinaus zu wollen. Bojang hat aber auch eine dreijährige Leidenszeit hinter sich.

> Ostwärts auf der westafrikanischen Flüchtlingsroute: Der damals 15-Jährige hat in Westafrika keine Zukunft mehr gesehen. Alleine macht er sich auf die 9000 Kilometer weite Reise, quer durch die Sahara und über das Mittelmeer nach Deutschland. Zuerst muss er jedoch durch den Senegal, der Gambia umschließt. Im benachbarten Wüstenstaat Mauretanien »sucht die Polizei Ausländer und sperrt sie ein«, erzählt der Gambier. Der Jugendliche arbeitet auf seiner langen Reise immer wieder, um sein Vorankommen zu finanzieren. Zudem muss er bewaffneten Gruppen mehrfach »Zoll« entrichten. Über Mali geht es für Bojang weiter ostwärts durch Burkina Faso in den Niger.

> Ohne Wasser mitten in der Wüste: In Agadez startet ein weiteres Abenteuer. Gegen Bezahlung »darf« er mit 23 weiteren Personen auf der Ladepritsche eines Pick-Ups mitfahren. Sengende Hitze und kaum Platz machen den Flüchtlingen zu schaffen. In der zweiten Woche ist das Fahrzeug mitten in der Wüste defekt. Bojang hat kein Wasser mehr, keine Nahrung. »Ich habe gedacht, mein Leben geht zu Ende«, beschreibt er seine Todesangst. Dann die vermeintliche Wende: »Ein Fremder hat uns geholfen«. Gegen Bezahlung nimmt er mehrere Personen mit. Erleichterung pur. 

> In brutaler Gefangenschaft: Doch der Fahrer hat noch nicht genügend Profit gemacht. »Er hat uns verkauft«, führt der Gambier aus, der in einer Art Militärgefängnis in Libyen landet. Demonstrativ zeigen sie ihnen zuvor verängstigte, mit Waffen bedrohte Gefangene zur Abschreckung. Ohne Gegenwehr werden sie verschleppt. Die Kidnapper planen Lösegeld zu erpressen. Der Muslim durchlebt über drei Monate hinweg die schlimmste Zeit seines jungen Lebens. Alle Gefangenen müssen sich ruhig verhalten und werden mit Holzstücken geschlagen. Erst als die Unmenschen erfahren, dass sie für den 16-jährigen Mandingo, so heißt die größte Ethnie Gambias, kein Lösegeld in seinem Herkunftsland erhalten werden, lassen sie ihn frei.

> Lebensgefährliche Überfahrt: Doch ein weiteres lebensbedrohliches Vorhaben steht Bojang noch bevor: Auf der zentralen Mittelmeerroute von Libyen nach Lampedusa hatten schon Tausende auf grausame Art ihr Leben gelassen. 110 Menschen pferchten die Schleuser in ein Schlauchboot an der libyschen Küste. Viele davon konnten nicht einmal schwimmen. Die Menschenhändler verlangten 450 Euro für die Überfahrt. Starker Regen am ersten Tag durchnässen den willensstarken jungen Mann völlig. »Am dritten Tag haben wir die Orientierung verloren. Dann ging auch noch das Boot kaputt, Wasser kam herein. Viele haben geschrien vor Todesangst. Es war schrecklich. Wieder habe ich gedacht: Das war es.« Gerade noch rechtzeitig entdeckt eine schottische Hilfsorganisation auf einem Boot die Afrikaner und bringt sie sicher ans rettende Ufer, nach Lampedusa.

> Endlich in Europa: Die restlichen knapp 2000 Kilometer sind vergleichsweise ein Kinderspiel. Die erste Station des Mandingos in Deutschland ist das bayerische Rosenheim. Von dort aus geht es in die Ortenau. Ab dem Frühjahr 2016 lebt er in der Erstunterkunft für nicht begleitete Flüchtlinge auf dem Langenhard, südlich von Lahr. Dort kümmert sich Iskiz, eine private Jugendhilfeeinrichtung um seine Bewohner. Der Sozialarbeiter Ingo Wolf bringt Jugendliche, die kicken wollen, zum FV Sulz ins Training. Derzeit spielen fünf in der B-, drei in der A-Jugend. Bojang debütiert für Sulz in der B-Jugend. Bei den A-Junioren empfiehlt sich der hochtalentierte Angreifer mit 34 Saisontoren für höhere Aufgaben.

> Bojang startet durch: Eigentlich immer noch Jugendspieler, schlägt der 19- Jährige bei den Herren ein und steuert bisher 13 Treffer und vier Vorlagen zur Bezirksliga- Tabellenführung bei. Immer wenn Bojang das Leder versenkt, holt das Spitzenteam einen Dreier. »Ich will mit Sulz in die Landesliga aufsteigen. « Der pfeilschnelle Außenangreifer und sein Freund Elhardj Bah sind im Verein rasch angekommen. »Die Fußballkollegen hier sind sehr nett, die Trainer und der Vorstand auch.« 

> Die Sulzer Familie: FV-Spielausschussleiter Jürgen Binder hat an deren Lebensentwicklung einen Löwenanteil. »Egal in welcher Situation, Jürgen ist immer für mich da. Er ist wie ein Vater.« Zusammen mit Binders Frau Melanie und Sohn Bjarne, der im Sulzer- Mittelfeld die Fäden zieht, sind sie für Bojang eine Art Ersatzfamilie. Der Spielleiter besorgt Elhardj und Ousman eine gemeinsame Wohnung und Praktikumsplätze. Zudem vermittelt er den ruhigen Zeitgenossen an den Betrieb eines Freundes, FAT-Flachdachbau, wo er im September seine Ausbildung beginnen wird. 

> Begehrter Spieler: Seine gezeigten Leistungen auf dem Rasen wecken Begehrlichkeiten. »Es gab sehr viele Anfragen. Der OFV-Trainer meldet sich immer wieder«, verrät der Stürmer dessen Hartnäckigkeit, die aufgrund eines Probetrainings bei Kai Eble kein Wunder ist. »Im Moment bin ich sehr zufrieden«, schließt der 19-Jährige einen Wechsel aus. Mit einer Ausnahme: Falls der SC Freiburg ihn verpflichten will. Der Termin für das Probetrainung bei der Fußballschule des SC steht bereits grob: Zwischen dem 15. und 20. Januar sind zwei Tage eingeplant. »Ich werde nicht nervös sein, ich freue mich darauf «, blickt der trickreiche Dribbler voraus. Weitere Stärken sieht er in seiner Schnelligkeit, Cleverness und darin, sich den Gegner zurechtzulegen, wie sein Vorbild PSGStar Neymar. Nachholbedarf sieht er noch im taktischen Bereich. Sollte der Riesensprung in die Regionalliga gelingen und später sich sogar sein Bundesliga-Traum erfüllen, würde Bojang eine weitere Parallele zwischen Manneh und sich ziehen.

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