Ettenheim Vom Scheitern am eigenen Anspruch

Ein wahres Kunstwerk: Die jungen Darsteller vom "Theater im Foyer" hinterließen beim Publikum einen bleibenden Eindruch. Und obwohl fünf von ihnen ihre Bühnenpremiere feierten. Foto: Decoux-Kone Foto: Lahrer Zeitung

Mit beeindruckenden Auftritten hat das Theater im Foyer am Städtischen Gymnasium diese Woche sein Publikum begeistert. Gespielt wurde "Die Möwe" von Anton Tschechow, aus dem zaristischen Russland ins Heute adaptiert.

 

Ettenheim. Schwarz und Weiß bestimmen die Szenerie. Zwei weiße Stühle, eine weiße Treppe, schwarzes Klavier, schwarzer Boden. Gleiches im Lichtspiel: entweder grelles Weiß oder bedrückendes Schwarz. In der musikalischen Umrahmung: entweder harter Beat oder harmonisches Gesäusel am Klavier.

Schwarz und Weiß. Entweder oder. In den Aufzügen eins bis drei vor der Pause scheint das auch der Maßstab für alle Handelnden: ob in ihren Vorstellungen von Kunst, ob in den menschlichen Beziehungen. Für Zwischentöne ist kein Platz. Und dann, als sich im letzten Aufzug, mit zeitlichem Abstand von zwei Jahren zum zuvor Geschehenen, doch einmal so etwas wie Entspannung einstellt, als sich die harten Fronten im Pink-Song "Just give me a Reason" aufzulösen scheinen, dieser Knall. Nein, es ist kein geplatzter Luftballon, wie Dr. Dorn zu beruhigen versucht. Es war ein Schuss. Und diesmal galt er nicht der Möwe – wie zuvor.

Tschechows "Die Möwe" ist eine Herausforderung für die Zuschauer und noch viel mehr für die Schauspieler. Erik Judenau, Spielleiter am Städtischen Gymnasium, hat seiner junge Truppe einmal mehr viel zugetraut – und wieder einmal überzeugt. Die zehn Gymnasiasten interpretierten ihre Rollen höchst eindrucksvoll, obwohl die "Typen", die sie zu verkörpern hatten, weiß Gott alle ihre Macken haben.

"Dieses Haus ist kein Zuhause" – diesen Untertitel hat Tschechow seiner "Möwe" verpasst. Von den handelnden Personen fühlt sich hier keiner wirklich zu Hause. Weder Konstantin (Sven Hassan, in der womöglich anspruchsvollsten Rolle) auf der Suche nach neuen Kunstformen, noch seine Geliebte, Nina (Hanna Hoefer), weder Trigorin (Nikolaus Born) als erfolgreicher Schriftsteller noch der Lehrer Simon (Noah Berg) oder die Nihilistin Mascha (Lisa Frey). Ja, nicht einmal die selbstsüchtige Opernsängerin Irina (Annika Neugart), Konstantins Mutter, Trigorins Geliebte, gleichsam Übermutter der ganzen Gesellschaft. Alle scheitern sie an ihren eigenen Ansprüchen, ob in der Kunst, ob in der Liebe, auch Elias (Julian Neisser), Paulina (Judith Lobreyer), der Arzt Eugen Dorn (Nico Obergföll) oder Jakob (Lukas Frey) – wiewohl sie auch leidenschaftlich über die Kunst und einen tieferen Sinn des Daseins räsonieren, lamentieren und diskutieren. Alle träumen von einem anderen, besseren Leben, dessen alltäglichem Leerlauf sie zu entrinnen versuchen. Konstantin am Ende eben auf seine Weise. Der Schuss, der Knall – das grelle Hell taucht in dunkles Schwarz.

Eva Erny – für die Dramaturgie verantwortlich – und Erik Judenau (Spielleitung) wussten ganz offensichtlich, was sie ihrer jungen Schauspieltruppe zumuten konnten. Fünf von ihnen feierten ihre Bühnenpremiere. Alle überzeugten. Der Lohn: lang anhaltender Applaus, mehrere Vorhänge. "Ganz großes Theater", attestierte Schulleiter Frank Woitzik.

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