Ettenheim "Skelett des ersten Ettenheimers wäre ein tolles Ausstellungsstück"

100 Jahre historischer Verein Ettenheim, das ist ein Grund zum Feiern – wenn auch coronabedingt nicht wie geplant am Sonntag, sondern erst im nächsten Jahr. Die LZ beleuchtet Wissenswertes zur Vereinsgeschichte.

Herr Dess, 100 Jahre Historischer Verein, worauf sind Sie das besonders stolz?

In den ersten hundert Jahren seit seiner Entstehung war der Verein von Geselligkeit und dem Bildungsideal Einzelner geleitet. Damals hatten einzelne viel geforscht und sich sehr um die Volksbildung bemüht. Seit den 1980er-Jahren, unter dem Vorsitzenden Bernhard Uttenweiler ist der Verein sehr wissenschaftlich geworden. Es ist bemerkenswert, was seitdem geleistet und veröffentlicht wurde. Die "Historische Datenbank Ettenheim", die Jörg Sieger etwa angelegt hat, ist in dieser Dimension etwa in keiner Gemeinde mit vergleichbarer Größe zu finden. Bereits 2013 hätte die Datenmenge ausgedruckt 2600 volle Din  A4-Ordner ergeben – und ist seitdem noch gewachsen.

Was werden in den kommenden Jahren die größten Herausforderungen für den Verein sein?

Wir haben traditionell eher ältere Mitglieder. Die Jüngsten dürften um die 50 Jahre sein. Es ist schwierig, Nachwuchs zu gewinnen. Junge Leute interessieren sich zwar für Geschichte, aber weniger für die Heimatgeschichte vor Ort.

Das Stadtmuseum hat viele tolle Ausstellungsstücke. Wenn eine gute Fee Ihnen aber noch etwas schenken wollte, was würden Sie sich wünschen?

2003 wurden bei Ausgrabungen zwei Glockenbecher-Leute aus der Zeit 2000 vor Christus gefunden. Wenn diese nicht im Archiv bleiben müssten, sondern in Ettenheim ausgestellt würden, wäre das toll. Ebenfalls ein großartiges Ausstellungsstück wäre das Skelett des ersten Ettenheimers überhaupt. Falls die Fee dieses finden kann.

Welche Ettenheimer Begebenheit oder Persönlichkeit werden Ihrer Meinung nach unterschätzt?

Die Auswanderer im 19. Jahrhundert würden vielleicht ein lohnendes Forschungsobjekt sein. Also die einfachen, armen Menschen, die in ein anderes Land gegangen sind. Daran zu forschen wäre sozialgeschichtlich interessant.

Ettenheim. Die Eröffnung des Stadtmuseums, das Anbringen von Gedenktafeln und die Schaffung eines digitalen Stadtarchivs, das Seinesgleichen sucht: Es gibt vieles, auf das der Historische Verein in seiner hundertjährigen Vereinsgeschichte stolz sein kann.

Was macht der Historische Verein eigentlich?

Hauptbetätigungsfeld der Ettenheimer Historiker sind die heimatgeschichtlichen Veröffentlichungen in den Jahresbänden "Die Ortenau" des Historischen Vereins oder im "Geroldsecker Land", dem historischen Jahrbuch des Ortenaukreises. Aber auch anderen Bereichen, besonders der Erinnerungsarbeit, hat sich der Verein verschrieben. So hat er etwa Gedenktafeln und -steine aufgestellt, zuletzt etwa 2012 zur Erinnerung an die jüdischen Schüler des Gymnasiums. Welche Ettenheimer Persönlichkeiten hinter den Straßennamen stecken, ist seit 2019 ebenfalls kein Geheimnis mehr: So wurden Straßen mit Zusatzschildern versehen, die Erklärung in Kurzform und einen QR-Code für mehr Infos liefern. Dokumentationen, Vorträge und Archivarbeit erledigen die Vereinsmitglieder ebenfalls. Auch so manche historische Bauteile würde es ohne den Verein nicht mehr geben. So hat er etwa das älteste Stadtwappen aus dem Abbruch des ehemaligen Schlachthofes hinter dem Gasthaus Pflug gesichert.

Warum lohnt sich ein Besuch im Stadtmuseum?

Bereits 1920 war vom Verein ein Stadtmuseum angedacht worden. Bis zur Eröffnung sollten allerdings 86 Jahre vergehen. Darin zu sehen sind auch viele ungewöhnliche Exponate wie zwei Knoblochtzer-Inkunabeln von 1478, die Rohan-Bibel von 1734 oder eine Rezepthandschrift des 1784 verstorbenen Scharfrichters Jakob Mengis. Nicht zu vergessen auch eine Replik des bekannten Halsband, wegen dem Kardinal Rohan am französischen Hof in Ungnade fiel.

Wie hatte im Jahr 1920 alles begonnen?

Die Ettenheimer Mitgliedergruppe wurde am 12. Juli 1920 von Otto Stemmler, Direktor des Ettenheimer Realgymnasiums, gegründet. Sechs Tage später gab es die erste Hauptversammlung. 1934 machte der Zeitgeist auch vor dem Historischen verein nicht Halt: Mit Ernst Schaaf übernahm ein überzeugter Nationalsozialist die Vereinsführung bis 1944. Nach einer Vakanz im Vorstand leitet 1947 bis 1969 Sparkasseninspektor Friedrich Allendorf die Ettenheimer Mitgliedergruppe.

Der verdienstvolle Historiker und Archäologe Josef Naudascher aus Mahlberg war von 1969 bis 1972 Vorsitzender der Ettenheimer Gruppe. Ihm folgte von 1973 bis 1977 Amtsgerichtsdirektor Walter Kießling. Bernd Klug, Geschichtslehrer an der Heimschule St. Landolin, war Vorsitzender von 1977 bis 1979. 1980 wurde Bernhard Uttenweiler, stellvertretender Schulleiter an der Heimschule St. Landolin in Ettenheim, neuer Vorsitzender. Schon fünf Jahre nach seinem Amtsantritt wurde dem Historischen Verein für die zahlreichen Aktivitäten, Ausstellungen und Publikationen der neu geschaffene Kulturpreis der Stadt übergeben. 2012 gab Uttenweiler die Vereinsführung an seinen Nachfolger Thomas Dees weiter.

Wie viele Mitglieder hat der Verein?

Aktuell hat der Historische Verein 95 Mitglieder in Ettenheim und seinen Ortsteilen sowie den umliegenden Gemeinden. Allgemein darf sich die Stadt aber jeher einer Vielzahl an Historikern rühmen. An erster Stelle steht Johann Baptist von Weiß (1820 bis 1899) der als Professor an der Universität Graz eine 22-bändige Weltgeschichte verfasste. In den Nachkriegsjahren veröffentlichten Landgerichtsdirektor Johann Baptist Ferdinand, Bibliotheksdirektor Philipp Harden-Rauch und Josef Rest, der aus Münchweier stammende spätere Direktor der Freiburger Universitätsbibliothek, viele grundlegende Arbeiten. Ernst Ochs begründete als Ettenheimer Mundartforscher das "Badische Wörterbuch". Zu erwähnen ist auch Emil Schwendemann aus Münchweier für seine Mundart- und Heimatforschung. Jahrzehntelang arbeiteten Josef Naudascher und Hubert Kewitz an wissenschaftlichen Publikationen. Wolfgang Schwab veröffentlichte zur Reformation und Robert Furtwängler schrieb und sammelte so eifrig, dass heute über 90 Ordner mit Aufsätzen, Zeitungsartikeln und Quellenkopien im Stadtarchiv sind. Jörg Sieger, Dieter Weis, Karl-Heinz Debacher und Franz Michael Hecht sind wichtige aktuelle Autoren.

Wie hat sich die Arbeit der Historiker im Laufe der Zeit verändert?

Als der Verein 1920, zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, seine Arbeit aufnahm, war "noch alles unbeschrieben", erklärt Vorsitzender Thomas Dees. Grundlagenliteratur habe es kaum gegeben, stattdessen mussten die damaligen Historiker selbst in Akten und Archiven forschen. Die Digitalisierung, dank der man die Dokumente und Archivalien direkt nach hause an den heimischen Schreibtisch holen kann, habe die Arbeit vereinfacht Auch die Grundlagenliteratur zur Stadtgeschichte ist inzwischen angewachsen: Die von Bernhard Uttenweiler 2018 veröffentlichte Bibliografie zur Geschichte der Stadt Ettenheim und ihrer Umgebung" mit ihren über 300 Seiten und dürfte rund 3000 Titel zu den verschiedensten Themen verzeichnet haben.

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