Ettenheim Nachfrage hält sich in Grenzen

Gute Übersicht, aber noch ohne größeren Einfluss auf den Umsatz: Auf der digitalen Plattform "Ettenheim.delivery" können sich lokale Einzelhändler kostenlos registrieren und ihre Angebote der Bevölkerung präsentieren. Foto: Stadt

Ettenheim - Der Lockdown dauert noch mindestens bis Mitte Februar, wie es danach weitergeht, ist unklar. Die digitale Plattform "Ettenheim.delivery" versucht, den Einzelhändlern in der Corona-Krise unter die Arme zu greifen. Mit bislang überschaubarem Erfolg.

Ganz allgemein werde die im vergangenen Frühjahr eingeführte digitale Plattform "Ettenheim.delivery" von den Bürgern positiv aufgefasst, erklärt Norbert Schneider, Vorstand Unternehmen Ettenheim, auf Anfrage . Vor allem, dass die Angebote der Einzelhändler gebündelt zur Verfügung stehen, komme in der Bevölkerung gut an.

Seit beginn der Plattform rund 5500 Nutzer

Das Prinzip ist simpel: Lokale Unternehmen, die einen Abhol- oder Lieferdienst oder Online-Service anbieten, werden in einer Übersicht auf einer Internetseite gelistet. Die Nutzer können aus einem Angebot von derzeit 46 Anbietern wählen.

Gastronomie, Einzelhandel oder doch Dienstleistung. Mit einem Filter bestimmen sie, ob das Produkt abgeholt oder geliefert werden soll. Mit einem weiteren Klick gelangen die Nutzer dann auf die jeweilige Seite der Anbieter (Webseite, Facebook) oder sie können ihnen auch direkt eine Mail schreiben respektive sie anrufen.

Seit der Gründung der Plattform zählte diese rund 5500 Nutzer sowie etwa 22.000 Mal Zugriffe, berichtet Schneider. Heruntergerechnet auf einen Tag wären das rund 60 Zugriffe alle 24 Stunden.

Das Ende der Fahnenstange sei damit aber nicht erreicht, wie Schneider unterstreicht: "Wir wünschen uns natürlich noch mehr Bürgerinnen und Bürger zu erreichen, um die Betriebe vor Ort so zu unterstützen. Je mehr Betriebe sich ›Ettenheim.delivery‹ anschließen, umso attraktiver wird das Angebot".

Bürgermeister Bruno Metz bewertet die Einführung der digitalen Plattform insgesamt als positiv. "Die Kunden erwarten zunehmend Angebote, die weder an Uhrzeiten noch an Orte gebunden sind", ist er überzeugt. Corona habe diese schon vorher eingesetzte Entwicklung erheblich beschleunigt. Deshalb erachte es der Rathauschef auch als sinnvoll, wenn dieses durch Corona beschleunigt entstandene Vorhaben auch für künftige Jahre fortgesetzt und weiterentwickelt werden könnte.

Doch der eigentliche Maßstab, wie der Liefer- und Abholdienst fast ein Jahr nach der Einführung funktioniert, sind die Unternehmen selbst. Unsere Redaktion hat bei dreien nachgefragt.  

Der klitzekleine Kaffeeladen

"Ich freue mich über die eingeführte Plattform, der Umsatz ist aber gleich geblieben", gibt Mitarbeiter Oliver Wagenführer zu. In Zahlen ausgedrückt: Zwischen drei bis vier Bestellungen würden pro Monat digital eingehen. Der Online-Vertrieb sei lediglich ein "Zusatzding". Den Großteil der Einnahmen machen Wagenführer und seine Kollegen im gewöhnlichen Arbeitsalltag.

Als Kaffeerösterei und Teeladen dürfe ihr Geschäft in Zeiten der Pandemie geöffnet haben. Deshalb kommen die Leute auch noch persönlich in den Laden, berichtet Wagenführer. Beim Liefer- und Abholdienst sehe der Mitarbeiter zwei große Probleme.

Zum einen fehle es "Ettenheim.delivery" weiterhin an ausreichend Aufmerksamkeit. Im Bewusstsein vieler Bürger angekommen sei der Dienst nach wie vor nicht. Außerdem ist es für die Einzelhändler extrem teuer überhaupt einen Webshop zu besitzen.

Wagenführer rechnet vor: Allein der Betrieb des digitalen Geschäfts koste seinen Laden knapp 1000 Euro im Jahr. Bevor sich das Online-Geschäft also lohnt, muss Wagenführer mehr als nur ein paar Kaffees verkaufen. Kritisch sieht er obendrein die oftmals fehlenden digitalen Fertigkeiten seiner Einzelhandelskollegen.

Vielen würde noch das Gefühl fehlen. Manche bieten etwa digitale Einkäufe erst ab einem Warenwert von 30 Euro an, die Lieferung koste obendrein weitere zehn Euro. "Das sei Quatsch", findet Wagenführer. Auch würde er sich weniger Restriktionen von Seiten der Politik im Online-Handel wünschen. "Wir werden genauso behandelt wie Amazon oder Ebay. Das ist unfair."   

Annettes Shop

Wie gut das Online-Geschäft von Annette Fliehler bei "Ettenheim.delivery" läuft, könne die Solo-Selbstständige im Moment nicht genau sagen. Das liege daran, dass sie erst wenige Monate vor Ausbruch der Pandemie ihren Shop im Netz gestartet hatte.

Sie vertreibt aus dem Keller ihrer Wohnung Geschenkideen für Klein und Groß, bietet zudem eine Änderungsschneiderei an. "Ich mache vieles auf Anfrage." Sie sei nicht der typische Einzelhändler. Ihr Schwerpunkt liege eher auf dem Handwerk.

Die Plattform der Stadt bewertet sie als gut, weil sie vor allem eines ist: kostenlos. Fliehler werde nicht gezwungen Gebühren zu zahlen. Dennoch sehe die Solos-Selbstständige das digitale Angebot hauptsächlich als "eine Übergangslösung" an. Zwar gebe es die Kunden, die bequem sind und übers Internet einkaufen, aber die Mehrzahl würde noch immer lieber persönlicher in Geschäften vorbeischauen.   

Buchhandlung Machleid

Inhaber Christian Machleid beobachtet sei geraumer Zeit eine regere Nachfrage in seinem Online-Shop. Ob das mit "Ettenheim.delivery" zusammenhänge, könne er nicht sagen. Denn die Plattform erfasse keine Käufe, sondern biete lediglich eine gebündelte Übersicht.

Rund zehn Prozent an Umsatz verbuche Machleid über den Online-Vertrieb Obwohl das digitale Geschäft immer mehr an Bedeutung zunehme, würde sich der Inhaber selbst unwohl fühlen, wenn sein Umsatz online irgendwann einmal die Hälfte ausmachen sollte.

"Dann geht der Kontakt zum Kunden verloren", fürchtet er. Das bedeute aber nicht, dass er sich vor technischen Neuerungen verschließt. Im Gegenteil: Machleid wirkt seit etwa neun Jahren im digitalen Geschäft mit. Im Gegensatz aber zu anderen Einzelhändlern profitiert er von seinem Großhändler im Rücken. Dieser nehme ihm die ganze administrative Arbeit ab. "Ohne diese Unterstützung könnte ich keinen Online-Handel betreiben."

46 Betriebe

Ettenheim.delivery ist eine Plattform für lokale Unternehmen, die in Kooperation von Stadt, Unternehmen Ettenheim und der Agentur Berenz und Heinzmann betrieben wird. Derzeit sind 46 Betriebe als Liefer- und Abholdienste in Ettenheim und der Region gelistet.

Jedes Ettenheimer Unternehmen, das einen Liefer- oder Abholservice respektive Online-Service anbietet, kann sich kostenlos eintragen lassen. Weitere Informationen gibt es im Internet unter https://ettenheim.delivery/.

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