Ettenheim Laumann: "Das wird richtig teuer"

Michael Masson
Der nordrhein-westfälische Minister Karl-Josef Laumann (links) sprach in Ettenheim auf Einladung von Peter Weiß (rechts) über das Thema Pflege. Foto: Decoux-Kone

Nordrhein-westfälischer Gesundheitsminister spricht in Ettenheim über das Thema Pflege

Im Rahmen des laufenden Bundestagswahlkampfes hatte CDU-Bundestagsabgeordneter Peter Weiß den Sozialpolitiker Karl-Josef Laumann zum Fachgespräch nach Ettenheim eingeladen. Thema war die aktuelle Pflegesituation.

Ettenheim. Laumann gilt als Kenner des Pflegebereiches, war er doch bis vor Kurzem auch "Beauftragter der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten und Bevollmächtigter für Pflege". Auf dieses konzen­trierte er sich auch in seinem Einstiegsvortrag im Winefeldsaal des Bürgerstifts.

Pflegebedürftigkeiten seien nicht wegzudiskutieren, man müsse mit ihnen mit Respekt und Würde umgehen. Weiterhin sei ein soziales Umfeld samt Familien für die Betreuten unverzichtbar: "So viele professionelle Helfer finden wir dafür gar nicht, als dass wir das ausgleichen könnten", so Laumanns Feststellung. Statistisch zunehmende Pflegebedürftigkeit sei noch unbefriedigend definiert und nicht gerecht verteilt – nämlich zum Nachteil der Demenz-Kranken, bemängelte er. Es brauche eine bessere Einstufungspraxis der Pflegebedürftigkeit, und die solle seiner Meinung nach in den nächsten Jahren von Pflegewissenschaftlern und nicht Politikern entwickelt werden.

Eines stünde für die Pflege auf jeden Fall fest: "Das wird richtig teuer." Fast 50 000 Menschen mehr als zuvor seien jetzt im Pflegebereich beschäftigt, die häuslichen Pflegeleistungen erhöht. Die Tagespflege müsse eine wichtige Ergänzung werden: "Dafür brauchen wir sowohl Professionelle als auch die Familien", weiß er.

Offen beklagte Laumann, dass im bisherigen Gesundheitssystem Ärzte, Kliniken und "kaufmännische Überlegungen" regieren, die Pflege jedoch nicht. Er forderte, dass sich die Pflegeversicherung ohne Politiker selbst verwalten müsse, wie in einigen Bundesländern schon gesetzlich umgesetzt werde. Damit solle erreicht werden, dem Pflegebereich im Gesundheitssystem eine höhere Bedeutung zuzumessen.

Unumwunden räumte Laumann ein, dass die Anzahl der Ausbildungsplätzen in der Altenpflege zwar mit derzeit 60 000 den Höchststand seit der Gründung der Bundesrepublik erreicht hätte, erklärte jedoch auch, dass dies jedoch nicht genüge. Da würden etwa Kliniken rechnen, anstatt zu akzeptieren, dass Pflegekräfte keine Akten bearbeiten, sondern sich um Menschen kümmern und "nicht schlechter bezahlt werden dürfen als solche, die Maschinen bedienen." Hauptproblem bleibe, wie man künftig mit zunehmenden Pflegefällen und zu wenigen Betreuern fertig werden kann.

In der folgenden Diskussion schilderten einige der 23 erschienenen Gäste ihre professionellen, frustrierenden Erfahrungen. Sogar in eindeutigen Fällen müsse man immer wieder auch nur um eine anschließende Kurzzeitpflege kämpfen, beklagten die Pflegekräfte. Die Leiterin eines ambulanten Pflegedienstes stellte fest, dass der entsprechende Arbeitsmarkt leergefegt und dadurch die Qualität der Versorgung grenzwertig sei. Ein halbes Jahr auf ein beantragtes Pflegebett zu warten, sei unerträglich. Laumann räumte ein: "Ohne Pflegekräfte aus Osteuropa wären wir schon längst am Ende."

Er wisse, dass insbesondere frühe Demenzerkrankungen für Familienangehörige durch die Zuzahlungen für die Pflege richtig teuer werden, sodass viele diese oft nicht leisten können.

CDU- Bundestagsabgeordneter Peter Weiß versuchte jedoch auch zu trösten. Früher habe man sämtliche Vermögen eingezogen, bis die Sozialhilfe einsprang. Das habe sich jetzt bei der Pflegeversicherung mit einer Grundsicherung für das Alter verbessert. Allerdings seien weiterhin auch Nachkommen in der Pflicht: "Wenn man fürs Alter gespart hat, muss man das bei Pflegebedürftigkeit einsetzen und nicht für die Kinder bunkern", erklärte er.

INFO

Über den Redner

Karl-Josef Laumann ist Bundesvorsitzender der CDA (Christlich-demokratische Arbeitnehmerschaft) und seit Juni diesen Jahres auch nordrhein-westfälischer Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Er ist seit 1974 Mitglied der CDU und seit 1977 Mitglied der CDA. 1990 bis zu seinem Ausscheiden 2005 war er Mitglied des Deutschen Bundestags. Als Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung war er auch an der Pflegeberuf-Reform in der aktuellen Legislaturperiode beteiligt.