Ettenheim Ettenheim stellt sich der Geschichte

Acht Frauen aus Polen sind derzeit auf Einladung in Deutschland. Sie alle haben als Kinder den Holocaust erlebt und waren am Mittwoch zu Gast in Ettenheim, das sich seit Langem der Aufarbeitung der eigenen jüdischen Geschichte stellt.

Ettenheim. Es wird zwar nicht ausgesprochen, aber die Zuhörer ihrer bewegenden Lebensgeschichten werden sofort an das jüdische Sprichwort erinnert: "Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung." Sie verdrängen nicht, sie stellen sich den kindlichen Erfahrungen.

In dieser Bereitschaft zur Aufarbeitung stoßen sie in Ettenheim auf Gleichgesinnung. Ettenheim stellt sich, wie Bürgermeister Bruno Metz als Gastgeber im Bürgersaal und wie Margret Oelhoff vom Deutsch-Israelischen Arbeitskreis der Gästegruppe verdeutlichten, den Ereignissen um die Reichspogromnacht, und dem damaligen Umgang mit den jüdischen Mitbürgern. Mehrere Bücher sind davon inzwischen veröffentlicht, schon 1988 gab es eine Einladung an die ehemaligen jüdischen Mitbürger.

Politiker Peter Weiß würdigt Einsatz

Jüdische Mitbürger weilten mehrfach schon zu Vorträgen an den Ettenheimer Schulen, die größte städtische Schule ist nach August Ruf benannt, dessen Namen untrennbar mit dem Einsatz für eine jüdische Familie verbunden ist. Stolpersteine vor ehemaligen jüdischen Wohnhäusern erinnern an deren Tod in Konzentrationslagern, der aus der geschändeten Synagoge gerettete Thora-Vorhang wurde restauriert und hat im Palais Rohan einen würdigen Platz gefunden. In Altdorf kümmert sich ein Förderverein um die Restaurierung der dortigen Synagoge.

CDU-Bundestagsabgeordneter Peter Weiß, der als Vorsitzender des deutschen Maximilian Kolbe-Werks und als Stiftungsvorsitzender des von Bischöfen ins Leben gerufenen deutsch-polnischen Versöhnungswerks den Besuch in Ettenheim initiiert hatte, weiß derlei Aufarbeitung zu würdigen. Jeder der acht inzwischen betagten Damen hat da ihre eigene Geschichte zu erzählen. Elf Jahre waren die Ältesten von ihnen damals, als sie nach Auschwitz, Maidanek oder eines der andern Konzentrationslager deportiert wurden, teils mit Elternteilen, teils allein. Wer von ihnen "Glück" hatte, wurde bei einer andern Familie untergebracht, versteckt. Zum Teil haben Mütter oder Geschwister mit ihnen diese Hölle überlebt, zum Teil konnten sie deren Wege nicht weiter verfolgen. Schier unfassbar die Schilderung einer der Damen, dass ihre Mutter bei der Deportation mit ihr schwanger war, sie, die inzwischen Mittsiebzigerin, im Bauch ihrer Mutter komplett im KZ herangewachsen ist, um dann 1945 in Freiheit geboren zu werden. Eine andere Teilnehmerin erzählt, wie sie sich nach dem Überleben des KZ auf die Suche nach ihren Verwandten gemacht hat und diese erst im vergangenen Jahr in Israel gefunden hat.

Wer mag es den Damen verdenken, dass die eine oder andere nach ihrer Schilderung ihrer Kindheitserlebnisse mehr oder minder verstohlen eine Träne abwischte.

Maria, die polnische Leiterin dieser Delegation, zog eine eindrucksvolle Bilanz. "Wir sollten uns alle freuen, dass wir noch leben dürfen." Reisen wie diese mit dem Maximilian-Kolbe-Werk – in das Land, aus dem ihre Peiniger kamen – sind für sie deshalb eine würdige Form der Aufarbeitung.

  • Bewertung
    0