Ettenheim Eine Frau lebt monatelang im Auto

Ettenheim - Monatelang haust eine Frau in Ettenheim in ihrem Auto. Ein Schicksal, das viele Menschen beschäftigt. Auch bei der Stadt und der Polizei ist der Fall bekannt. Die genauen Hintergründe scheint aber niemand zu kennen. Eine Spurensuche.

Der Golf IV, der auf dem öffentlichen Parkplatz in der Ettenheimer Bahnhofstraße parkt, macht im Grunde keinen schlechten Eindruck. Er hat ein gültiges Nummernschild, seine Reifen haben Luft, der Lack glänzt. Dennoch ist auf den ersten Blick zu erkennen, dass das Auto nicht von jemandem abgestellt wurde, der mal kurz zum Bäcker um die Ecke gesprungen ist. Die vordere rechte Seitenscheibe ist mit einem blauen Müllsack zugeklebt, die linke teilweise.

Neben dem Wagen stehen ein Henkelkorb aus geflochtenem Holz und eine umgedrehte gelbe Plastikbox. Darin beziehungsweise darunter finden sich Dinge, die eigentlich in eine Küche gehören, wie Speiseöl und Brottüten. Im Fahrzeuginneren, das bis unter die Decke vollgestopft ist, komplettiert sich der "Hausstand": Klamotten, Teelichter, Mundspülung. Auf dem Fahrersitz liegt eine dicke Decke. Es ist offensichtlich: Dieses Auto dient jemandem als Wohnung.

Recherchen der LZ bestätigen das. Viel mehr aber auch nicht. Nach Anfragen bei Stadtverwaltung und Polizei, Nachforschungen in den sozialen Medien sowie Gesprächen mit Menschen, die in den vergangenen Wochen Kontakt zur Besitzerin des Wagens hatten, ergibt sich ein Bild, das einem Puzzle gleicht – mit vielen fehlenden Teilen.

"Das Auto steht schon länger da", sagt ein Mann, der in der Nähe des Parkplatzes arbeitet. Seit Juli oder August – sicher weiß es niemand zu sagen – schläft die Eigentümerin darin. Die "ältere Frau" soll kurz zuvor ihre Wohnung verloren haben. "Es gab wohl Unstimmigkeiten mit den Vermietern über die Höhe der Miete", berichtet eine Frau, die der Seniorin "schon öfter helfen wollte, aber immer weggeschickt wurde".

Essen habe die Frau im Auto angenommen, das Angebot, ihre Kleider zu waschen oder sich zu duschen, aber stets abgelehnt. Ein Anwohner sagt, dass sie die Toiletten einer nahegelegenen Gaststätte benutzen dürfe. "Zumindest während der Öffnungszeiten." Der ältere Herr schüttelt den Kopf: "Das ist doch kein Zustand, vor allem jetzt, da der Winter kommt."

Bei der Stadt ist der Fall bekannt. "Das Ordnungsamt ist im Kontakt", teilt die Verwaltung kurz mit. Aus Datenschutzgründen könne man aber "leider keine weiteren Auskünfte geben". Der Mann, der auf seinem Weg zur Arbeit täglich am Auto vorbeikommt, berichtet, dass er sich vor längerer Zeit ans Rathaus gewendet habe: "Da wurde mir gesagt, dass die Stadt der Frau schon mehrfach eine Unterkunft angeboten hat, sie das aber wohl nicht wolle." Man habe zugesagt, "regelmäßig nach der Dame zu schauen".

Ohne Weiteres darf die Stadt die Frau nicht gegen ihren Willen irgendwo einquartieren. In Deutschland gibt es nach vorherrschender Rechtsauffassung die sogenannte freiwillige Obdachlosigkeit. Bedeutet: Wer selbstbestimmt ohne ein Dach über dem Kopf lebt, darf das grundsätzlich.

"Ein Eingreifen unsererseits ist aktuell nicht angezeigt", bestätigt Polizeisprecher Wolfgang Kramer. Das würde sich ändern, wenn die Frau geschützt werden müsse – auch vor sich selbst. "Zum Beispiel, wenn Erfrierungsgefahr besteht und die Einsicht dazu fehlt." Die Ettenheimer Ordnungshüter behielten den Fall im Blick.

Dass die Frau nicht gerne in ihrem Auto haust, zeigen Zettel mit einem Wohnungsgesuch, die am Wagen kleben. Etwa 30 Quadratmeter sollte ihre neue Bleibe groß sein und nicht viel mehr als 300 Euro Kaltmiete kosten, schreibt die Frau. Und: "Ich bin Rentnerin, Nichtraucher, trinke nicht, keine Haustiere."

Menschen, die die Seniorin kennen, vermuten, dass sie auf eigenen Beinen stehen will und deshalb Hilfe von Dritten ablehnt. Doch bestehen Zweifel, dass sie dazu in der Lage ist: Auf alle Gesprächspartner machte die Frau einen mehr oder weniger "verwirrten Eindruck". Umso größer ist nun die Sorge: "Seit ungefähr zwei Wochen habe ich die Dame nicht mehr gesehen", sagt ihr "Nachbar". Es sei "zu hoffen, dass sie etwas gefunden hat".

Notunterkunft?

Der Fall der Frau, die in ihrem Auto lebt, wird auf Facebook eifrig diskutiert. Auf der Seite "Netzwerk Ettenheim + Umgebung" ist die Anteilnahme am Schicksal der Seniorin groß. Und: Es ist Anlass, die Einrichtung einer Notunterkunft für Frauen in der Stadt zu fordern. Der entsprechende Vorschlag eines Nutzers erntet im Internet viel Zustimmung.

  • Bewertung
    52