Ettenheim Kampfkunst-Forum: Bruce Lees Spuren in Ettenheim

Lehrer und Schüler: Jesse Glover (jeweils links) ließ sich von Bruce Lee ausbilden (oben rechts im Jahr 1959) und gab sein Wissen später an Andreas Häckel weiter, hier Anfang der 1990er. Foto: privat

Ettenheim - 1989 gründete Andreas Häckel das Kampf-Kunst-Forum in Ettenheim, eine der ersten Kung Fu-Schulen weit und breit. Häckels Hintergrund ist beeindruckend: Sein Lehrer war Schüler einer wahren Legende – Bruce Lee.

Abwechselnd schlagen Bernds Fäuste in voller Härte auf die Handpratze ein. Dann eine kurze Erholung und nochmal von vorne. Die Anstrengung ist dem 50-Jährigen anzusehen. Schweißperlen zeichnen sich ab auf seiner Stirn und schweißgetränkt ist auch sein T-Shirt. Seit elf Jahren trainiere er bereits. Wie die meisten seiner Mitstreiter setzt sich der im Broterwerb als Eisenbahner Tätige den Strapazen aus, um Angst und Stress zu bewältigen und vor allem, um sich im Ernstfall schützen zu können.

Seit 30 Jahren treten Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und mit den unterschiedlichsten Biografien regelmäßig über Häckels Türschwelle, um "Progressive Wege des Kämpfens" zu erlernen, wie der 51-Jährige seine Methode nennt. "Ich möchte das maximale Potenzial aus einem Menschen herauszuholen, unabhängig davon, welche Voraussetzungen er mitbringt", sagt Andreas Häckel, Jahrgang 1968, über seine Rolle als Trainer. "Was Kung Fu angeht, war ich einst ein relativer Exot", beschreibt der in Donaueschingen geborene und seit 1983 in Ettenheim lebende Häckel seine Anfangszeit als Kampfkunstlehrer.

Zum Kampfsport sei er durch ein Kindheitserlebnis gekommen, verrät er und schildert seine Erinnerungen an das Jahr 1979, als ihn betrunkene französische Soldaten, die damals in Deutschland stationiert waren, auf einem Spielplatz auflauerten. "Zwei der Männer haben mich an den Armen gepackt, auseinandergezogen, mir auf den Kopf geschlagen und in die Rippen getreten." Dieses Gefühl der Hilflosigkeit wolle er nie wieder erleben, sagt Häckel, der damals schwere Rippenbrüche und Kieferverletzungen davontrug und die Kampfkunstikone Bruce Lee zu verehren begann.

Die Art, wie sich die Martial-Art-Koryphäe und Filmikone bewegte, schnell und spektakulär, faszinierten den Elfjährigen. Er wurde im Kick- und Thaiboxen aktiv. Mit Erfolg: Häckel wurde vier Mal deutscher Juniorenmeister und ließ sich im Wing Chun, einer Form des Kung Fu, zum Lehrer ausbilden.

Als solcher blieb er ebenso strebsam wie als Schüler. "Ich wollte von jemandem lernen, der technisch richtig gut ist", sagt Häckel und meint damit Jesse Glover, erster Schüler und Assistenzlehrer von Bruce Lee, den er 1990 auf einem Seminar in Berlin kennenlernte und der ihm den Bruce Lee hinter dem Leinwandhelden, der eigentlich Lee Jun-fan hieß, näherbringen sollte. "In der Distanz, in der echte Auseinandersetzungen beginnen, ist das Auge viel zu langsam, um einen visuellen Reiz wahrzunehmen. Denn man muss diesen zuerst kognitiv verarbeiten, um Tritte und Schläge überhaupt abwehren zu können", erklärt Häckel die Grundlagen des Selbstverteidigungskonzepts von Bruce Lee, das der Großmeister selbst "The Way of the intercepting Fist" (deutsch: Der Weg der abfangenden Faust) nannte. Mit anderen Worten: aktive Verteidigung. Den Gegner stoppen, ehe er schlagen kann.

Credo: Prävention und Deeskalation

Bruce Lee nachzueifern, sei in jedem Fall zum Scheitern verurteilt, wenn man von Natur aus nicht die gleichen genetischen Voraussetzungen wie Muskelschnellkraft mitbringe, so das Fazit von Glover, der als Trainer daher die Ideen und Konzepte von Bruce Lee verwendet hat, die für ihn und seine Schüler nützlich waren. Das Ergebnis: Non-Classical-Gung Fu, ein eigener Stil, der sich an den Ottonormalverbraucher richte und für jeden anwendbar sei, so Häckel, der selbst direkt 22 Jahre lang unter Glover trainierte und dessen Stil nach seinem Gusto gewürzt hat.

Bei seinen "Progressiven Wege des Kämpfens" setzt Häckel auf Gewaltprävention und Deeskalation. Viele Schüler aus anderen Kampfkunststilen kämen gerade deswegen zu ihm, weil sie die Effizienz in ihrer Kampfkunst vermissen würden und das Gefühl hätten, sich im Ernstfall nicht schützen zu können. Andere wiederum kämen, weil sie im buchstäblichen Sinne Schicksalsschläge erlitten hätten, aber auch, um sich fit zu halten, erklärt Häckel das Bedürfnis seiner Kunden an Selbstverteidigung und Sicherheit, das ihm zufolge in Zeiten von zunehmender Gewaltbereitschaft wachse.

Für Häckel, der sein Kampf- Kunst-Forum in der Ettenheimer Festungsstraße durch einen Umbau bereits erweiterte und modernisierte, sei Selbstverteidigung auch Selbstreflexion, denn man setze sich in der Konfrontation schlussendlich nicht nur mit seinem Gegenüber, sondern mit sich selber, mit den eigenen Ängsten und Schwächen, auseinander. Seine Schüler würden außerdem lernen, sich selbst besser zu verstehen und andere zu respektieren, da ihnen im Training auch mal die eigenen Grenzen aufgezeigt würden.

Der Mensch hinter dem Leinwandheld

Was viele nicht wüssten: Der Mensch Bruce Lee habe Schwächen gehabt. Er habe gestottert und ein verkürztes Bein gehabt, er sei stark kurzsichtig und steif wie ein Brett gewesen. Sein Bein habe er anfangs nicht höher als Hüfthöhe kicken können, wie Häckel aus Glovers Nähkästchen plaudert. "Jesse hat ihm geholfen, daran zu arbeiten und war auch maßgeblich daran beteiligt, dass Bruce Lee zu dem wurde, was er ist, denn niemand hatte annähernd so viel Trainingszeit mit Bruce Lee gehabt", sagt Häckel über seinen 2012 verstorbenen Trainer, der sechs Jahre mit Bruce Lee trainierte.

"Ich hatte Schüler, die mir anfangs nicht in die Augen schauen konnten. Fünf Jahre später umarmten sie mich. Ich sehe, wie sich Leute verändern und selbstbewusster werden. Das ist es, was mich heute glücklich macht", sagt Häckel auf die Frage, wie viel Odem von Bruce Lee in seinem Wirken steckt.

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