Erstein Frauenrechtlerin und Malerin

Der Rundgang durch die Schau zu Hélène de Beauvoir wird von großformatigen Ölbildern eingeleitet, die von weiblicher Ohnmacht und sexueller Unterdrückung erzählen. Foto: Haberer

Erstein - Die Ausstellung zum zehnjährigen Bestehen des Musée Würth ist eine Retrospektive der Malerin Hélène de Beauvoir (1910 bis 2001). Sie porträtiert eine politisch und sozial engagierte Künstlerin.

 

Ihre Malerei hat den Philosophen Jean-Paul Sartre ebenso beeindruckt wie Pablo Picasso, der sie bei ihrem Ausstellungsdebüt im Jahr 1936 protegiert hat. In einer Gratwanderung zwischen abstrakter und gegenständlicher Malerei hat de Beauvoir eine auch vom Kubismus beeinflusste Fragmentierung von Form und Farbe inszeniert, eine eigenständige Bildsprache entwickelt. Parallel zu ihrer künstlerischen Entwicklung hat sie sich in den 60er-Jahren aber auch zu einer engagierten Streiterin für Frauenrechte entwickelt. In Frankreich war sie zeitlebens verkannt, blieb vor allem die kleine Schwester der Schriftstellerin Simone de Beauvoir, das malende "Püppchen", das die frühen Romane von Simone abgetippt hat.

Hélène de Beauvoir hat in Paris, Mailand, Berlin, Florenz, Rom, Venedig, Boston und Amsterdam ausgestellt – und 1971 auch in Lahr. Ihr künstlerisches Werk droht trotzdem langsam in Vergessenheit zu geraten, nicht zuletzt deshalb, weil es sie an der Schwelle zum Erfolg in die elsässische Provinz verschlagen hat. Das Museum Würth hat nun eine umfangreiche Retrospektive zusammengetragen, die rund 170 Gemälde, Zeichnungen und Holzschnitte jener Frau zeigt, die 40 Jahre lang im nahen Goxwiller lebte und arbeitete.

Die Ausstellung widersteht damit ganz bewusst der Versuchung, sich selbst mit einem spektakulären Blick auf die Sammlung Würth zu feiern. Sie würdigt stattdessen eine engagierte Verfechterin der Frauenrechte, die den Straßburger Verein "SOS Femmes Solidarité – Centre Flora Tristan" mitbegründet hat. Der Rundgang wird von drei großformatigen Ölbildern eingeleitet, die von weiblicher Ohnmacht und sexueller Unterdrückung erzählen, von Frauen, die leiden, und Männern, die urteilen. Zu sehen ist auch die Bilderserie "Der hübsche Monat Mai", in der Beauvoir die dramatischen Ereignisse bei den Studentenunruhen 1968 eingefangen hat.

Der große Ausstellungsraum im Erdgeschoss gehört der politisierten Phase der 70er-Jahre und den großen Formaten, die auch mit Collagen aus Malerei und Acrylglas aufwarten. Im Obergeschoss wandelt die erste Retrospektive seit ihrem Tod durch das künstlerische Gesamtwerk von de Beauvoir. Ihre stilistische Entwicklung wird sichtbar – aber auch die Stationen eines bewegten Lebens an der Seite ihres Mannes, dem 1960 nach Straßburg, dem Sitz des Europarats, berufenen Diplomaten Lionel de Roulet. Und es gibt noch mehr zu sehen: Körper in Bewegung, der Flair von Spanien und Portugal, die Aura der Lagunenstadt Venedig und die Farben Marokkos, Gondeln und Skifahrer, die sich aufzulösen scheinen, dazu fast 80 Holzschnitte und Buchillustrationen.

Die Ausstellung "Hélène de Beauvoir – Künstlerin und engagierte Zeitgenossin" ist ab morgen, Dienstag, bis zum 9. September im Museum Würth in Erstein zu sehen. Die Öffnungszeiten sind dienstags bis samstags jeweils von 10 bis 17 Uhr sowie sonntags von 10 bis 18 Uhr.

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