Eingemeindung von Reichenbach "Wir haben unsere Traditionen erhalten"

Jonas Köhler

Lahr oder Seelbach? Diese Frage stellten sich die Reichenbacher, als es vor 50 Jahren um den Zusammenschluss mit einer anderen Kommune ging. Schnell war klar: Lahr soll es sein. "Die richtige Entscheidung", bilanziert Ortsvorsteher Klaus Girstl.

Reichenbach - Wie viele kleinere Gemeinden geriet auch Reichenbach Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre in finanzielle Schwierigkeiten. "Es kamen immer mehr Aufgaben hinzu. Straßenbau, die Kanalisation, die Schulen... das hätte die Gemeinde alleine nicht mehr gestemmt", erklärt Klaus Girstl im Gespräch mit unserer Redaktion. So sei nicht die Frage gewesen, ob sich die Reichenbacher eingemeinden lassen möchten, sondern vielmehr – wohin? Denn neben Lahr fühlten sich Einwohner auch Seelbach nahe.

Viele Reichenbacher arbeiteten damals in der Schuttertal-Gemeinde und viele Seelbacher fuhren oft auf dem Weg der Arbeit durch Reichenbach. Tatsächlich führte der damalige Bürgermeister Alfred Beck zunächst ein Gespräch mit Seelbach, berichtet Girstl. Doch dieses sei nicht sehr ermutigend gewesen. Die Seelbacher hätten Beck "die kalte Schulter" gezeigt. "Schickt mich nicht mehr dorthin", soll der Bürgermeister zum Reichenbacher Gemeinderat im Anschluss an das Gespräch gesagt haben.

Der Austausch mit Lahr sei deutlich vielversprechender gewesen. Dort habe sich der Rathauschef ernst genommen gefühlt und diese Wahrnehmung dann auch an die Reichenbacher weitergegeben. Bei einer Bürgerbefragung im Juli 1971 befürworteten schließlich fast 71 Prozent der Bürger den Schritt zur Eingliederung in Lahr. Mit acht zu drei Stimmen spiegelte auch der Gemeinderat dieses Ergebnis wider.

Dass aus der "Ehe" mit Seelbach nichts geworden ist, sieht Girstl auch zum Teil darin begründet, dass schon immer eine gewisse Rivalität zwischen den beiden Orten geherrscht hat. "Ich glaube, auch die Seelbacher wollten die Reichenbacher nicht so wirklich", sagt der Ortsvorsteher. Er bedauere diese Entscheidung keineswegs. "Wir haben von der Eingemeindung nach Lahr enorm profitiert und hätten vieles nicht gehabt, wenn wir zu Seelbach gegangen wären", ist sich Girstl sicher.

Von den Versprechungen im Eingemeindungsvertrag habe die Stadt Lahr alles umgesetzt, sagt der Ortsvorsteher und gibt einen Überblick: Der Rathaus-Neubau mit Feuerwehrgerätehaus, die Erweiterung von Schule und Schwimmbad, der Bau einer Trainingsanlage beim Sportplatz und die Fertigstellung der Mehrzweckhalle seien nur einige der Projekte, die in den vergangenen 50 Jahren realisiert wurden. "Heute ist Reichenbach ein moderner Stadtteil", sagt Girstl. Man habe sich vom Dorf dorthin entwickelt, dabei jedoch nie die eigenen Traditionen aus den Augen verloren.

Allen voran nennt der Ortsvorsteher bei den Traditionen die Fasent. Auf die Reichenbacher Zunft, die "Schergässler", ist Girstl besonders stolz. Auf dem Lindenplatz wird jährlich, wenn nicht gerade Corona dazwischenfunkt, ausgiebig gefeiert. Auch der früherer Lahrer Oberbürgermeister Philipp Brucker sei von der "Richebacher Fasent" begeistert gewesen. "In Richebach, in Richebach, da werden selbst wir Lohrer wach", habe er einst bei einer Büttenrede gesagt, berichtet Girstl.

Auch außerhalb der fünften Jahreszeit könne sich das Dorfleben sehen lassen. "Der Terminkalender war immer voll", sagt Girstl mit Blick auf die Vor-Corona-Zeit. Das ehrenamtliche Engagement im Dorf findet der Ortsvorsteher bemerkenswert. Der Einsatz der Reichenbacher zum Dorfjubiläum anlässlich des 875-jährigen Bestehens habe ihn mit Stolz erfüllt. Auch für den Schwarzwaldverein, der das Heimatmuseum pflegt, hat Girstl nur lobende Worte übrig. Diese Aktivitäten machten den Unterschied im Vergleich zur Stadt aus. "Anonymität kennen wir hier nicht", sagt Girstl. Auf dem Dorf gehöre freilich auch dazu, neugierig zu sein, was der Nachbar macht, und auch etwas Klatsch und Tratsch.

All dies führe dazu, dass man sich in Reichenbach wohlfühlen kann, erklärt der Ortsvorsteher, der selbst zwar nicht im Ort aufgewachsen ist, jedoch mit einer Reichenbacherin verheiratet ist und sich schon seit 1989 im Ortschaftsrat engagiert. Dass auch bei anderen Reichenbach als Wohnadresse beliebt ist, zeige die Nachfrage nach Bauplätzen, aber auch die Entwicklung des Orts, der seit der Eingemeindung stetig gewachsen ist. 3150 Einwohner zählt Reichenbach heute – rund 500 mehr als vor 50 Jahren. "Wir leben dort, wo andere Urlaub machen", hebt Girstl noch einmal hervor. Man sehe sich im Ort als "Tor zum Schwarzwald" mit Wanderwegen direkt vor der Haustür.

Indes – so schön es in Reichenbach auch sei, wunschlos glücklich ist der Ortsvorsteher nicht. "Wir haben aktuell keinen Bäcker und keinen Metzger", bedauert Girstl. Auch die Apotheke im Ort werde vermisst. Dies sei vor allem für Senioren, die nicht mehr mobil sind, von Nachteil. Der Supermarkt am Ortsrand könne nicht alles ausgleichen. Allerdings: "Die Gastronomie funktioniert noch", freut sich Girstl und bezieht sich dabei vor allem auf die beiden Lokale "Linde" und "Adler". Letzteres sei als Sternegastronomie das "Aushängeschild" des Stadtteils. Beide Lokale wurden bereits im 19. Jahrhundert eröffnet und tragen zum Erhalt der Tradition bei.

Alleine, so lautet das Fazit des Ortsvorstehers, hätte sich Reichenbach nicht so entwickeln können. Demnach sei die Eingemeindung nach Lahr der richtige Schritt gewesen. Auch weil die Zusammenarbeit mit der Kernstadt gut funktioniere und das Dorf immer noch ein Stück eigenständig sei. "Es ist gut, dass es noch die Ortsverwaltung gibt. Denn vieles wollen wir selbstständig entscheiden und auch dafür kämpfen", sagt Girstl.

Im Zuge der Kommunalreform vor 50 Jahren wurden die sieben heutigen Lahrer Stadtteile, die bis dahin eigenständige Gemeinden waren, in die Stadt eingegliedert. Die Lahrer Zeitung blickt in einer Serie auf den Prozess der Eingemeindung zurück und stellt die Entwicklung der einzelnen Stadtteile seit 1972 dar.

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