BW von oben Wie der Europa-Park Rust verändert hat

Julia Göpfert

Rust und der Europa-Park scheinen mittlerweile untrennbar miteinander verbunden. 1968 war dies noch anders gewesen, wie unsere neue Serie "BW von oben" zeigt: Rust war ein Fischerdorf und den Parks gab es noch nicht einmal als Idee.

Rust - Im Jahr 1972 hatten Franz Mack und sein Sohn Roland eine Idee, die die Entwicklung Rusts nachhaltig beeinflussen sollte: einen eigenen Freizeitpark für alle Altersklassen. Nachdem die Standort-Suche in Breisach scheiterte, kam man auf Rust. 1975 wurde der Europa-Park eröffnet und zog in seinem ersten Jahr gleich 250 000 Gäste an – 2019 waren es dann 5,7 Millionen. Die Parkfläche wurde von 16 auf 93 Hektar plus 35 Hektar Rulantica mit Versickerungsmulden erweitert. Und auch Rust ist mitgewachsen: 2546 Einwohner waren es im Jahr 1968, 4707 sind es aktuell.

Hätte man das 1972 für möglich gehalten? "Wir haben an den Erfolg geglaubt, aber diese Entwicklung war überhaupt nicht abzusehen. Wir haben die Chancen ergriffen, die letztlich unsere Besucher uns gegeben haben", erklärt Europa-Park-Inhaber Roland Mack auf LZ-Nachfrage. Rusts Altbürgermeister Günter Gorecky hingegen hat zumindest in Bezug auf die Jahreseiner Amtszeit von 1990 bis 2014 eine ganz pragmatische Sicht: "Ja, die Entwicklung des Europa-Parks war für mich abzusehen, denn ich habe zusammen mit dem Gemeinderat alles getan, um daran mitzuwirken. Und übrigens auch an der Eröffnung des Wasserparks."

Entwicklung bewusst vorangetrieben

Denn, so betonen Gorecky und auch Rusts aktueller Rathauschef Kai-Achim Klare, die Entwicklung des Europa-Parks und auch der Gemeinde sei kein Selbstläufer gewesen. "Hinter der fulminanten Entwicklung der Gemeinde stehen vor allem unzählige Lebensleistungen: die all jener Menschen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren Aufbauarbeit leisteten, die der Familie Mack und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Europa-Park, die seit 1975 zusammen mit meinen Vorgängern sowie Rat und Verwaltung eine einmalige Erfolgsgeschichte im Tourismus geschrieben haben, aber vor allem auch die der gesamten Bürgerschaft, die die große Dynamik im Ort mitbewegt und mitträgt", betont Klare. Nicht zuletzt hätten die Gewerbebetriebe, Vereine und Institutionen, die Integrationsfähigkeit und die Offenheit im Gemeinwesen bestärkt.

In Bezug auf die Bevölkerung war Gorecky bei seinem Amtsantritt klar: Wenn das Dorf wachsen soll, müsse man vor allem der jungen Generation Anreiz zum Bleiben bieten – etwa durch eine gesicherte Ganztagesbetreuung.

Doch auch der Europa-Park brauchte Voraussetzungen zum Wachsen: Ohne die Umfahrung und eigene Autobahnausfahrt für den Europa-Park konnte der 2019 eröffnete Wasserpark Rulantica nicht kommen. Rust wäre im Verkehrschaos erstickt. 2002 kam dann die eigene Autobahn-Ausfahrt, die 2020 nochmals erweitert wurde.

Pandemie verstärkte die Zusammenarbeit noch

Weitere Meilensteine in der Geschichte Rusts waren aus Goreckys Sicht die Eröffnung der Gemeinschaftsschule und des Naturzentrums, auch wenn Letzteres kleiner ausfiel als gewünscht.

"Klein und reich", seien die beiden Vorurteile der übergeordneten Behörden gegen Rust. Doch die Gemeinde ist weder das eine noch das andere. Rund 4500 Mitarbeiter sind im Europa-Park beschäftigt, gut 40 verschiedene Nationen in Rust heimisch. Das braucht in der Verwaltung und bei der Infrastruktur ganz andere Strukturen als bei anderen Gemeinden dieser Größe. Diese auch zu bekommen sei ein Kampf. "Aber bis jetzt haben wir alle Herausforderungen angenommen und positiv für uns entschieden", erklärt Gorecky: etwa die, dass Rust ein staatlich anerkannter Erholungsort wurde – und somit Kurtaxe erheben darf. "Zuerst belächelt, aber dann doch geschafft", erklärt er stolz. Gleiches gilt für Aufnahme ins Landessanierungsprogramm: Beim zweiten Anlauf gab es dann die gewünschten Zuschüsse – etwa fürs Rathaus.

Ein weiterer Meilenstein für Rust sei auch der Bau des ersten Europa-Park-Hotels, des El Andaluz, gewesen, der den Tourismus auf eine völlig neue Stufe gehoben habe. In der Bevölkerung habe es zunächst Angst um die eigenen Übernachtungsgäste gegeben, doch genau das Gegenteil sei passiert: Es waren mehr Gäste als zuvor gekommen.

"Gemeinde und Europa-Park sind aufeinander angewiesen, das hat nicht zuletzt die Pandemie noch einmal deutlich gezeigt. Dieses Verhältnis bedeutet indes nicht, auf einen kritisch-konstruktiven Dialog zu verzichten, im Gegenteil", erklärt Klare und auch Roland Mack bestätigt: "Das Verhältnis ist sehr gut. Natürlich gilt es, bei mehreren Millionen Besuchern jährlich immer einen guten Interessenausgleich zu finden, etwa bei Verkehrsfragen." Aber: "Die Gemeinde Rust weiß, was sie am Europa-Park hat – und umgekehrt. Übrigens in der Coronakrise sind wir noch stärker zusammengewachsen", so Mack.

Interessensausgleich als Herausforderung

Dennoch, jede Medaille hat immer zwei Seiten: Wie etwa die Bürgerinitiative "Jetzt langt’s" zeigt, sind nicht alle Ruster Europa-Park-Fans. Sie befürchten etwa Nachteile durch Lärmbelastungen oder im Hinblick auf die Unversehrtheit des Naturschutzgebiets Taubergießen, dort  gilt es auch in Zukunft einen Interessensausgleich zu finden: "Hohe Lebensqualität und Naturschutz haben in Rust seit jeher einen zentralen Stellenwert. Gleichzeitig leben wir vom Tourismus", sagt Klare dazu. Erklärtes Ziel von Rat, Verwaltung und des Europa-Park sei es, den Tourismus, aber auch Wohnbau und Infrastruktur qualitativ weiterzuentwickeln und dabei so schonend vorzugehen wie irgend möglich.

"Nehmen wir das Beispiel der neuen Achterbahn: Die Entwicklung findet im Innenbereich des Parks statt, sodass keine neuen Flächen in Anspruch genommen werden. Vorhandene Biotope werden geschützt und die Konstruktion der Bahn so ausgelegt, dass möglichst keine neuen Belastungen durch Emissionen entstehen", erklärt Klare. Zudem begibt er zu bedenken: "Zuletzt helfen uns die Einnahmen aus dem Tourismus auch wichtige Naturschutzprojekte umzusetzen."

Die Luftaufnahmen, die die Entwicklung Rusts zeigen, zeigen auch die Größe des Europa-Parks: Er nimmt fast ein Zehntel der Gemeindefläche ein. Fühlt man sich da noch als Teil von Rust oder schon als eigenes Dorf, wollte die LZ noch wissen. Roland Mack hatte dazu eine eindeutige Antwort: "Rust und der Europa-Park sind aus meiner Sicht untrennbar, wir bilden eine Symbiose." Natürlich sei der Europa-Park ein Teil von Rust, betont er: "Wir als Familie Mack leben hier, unsere Kinder sind hier in die Schule gegangen und Mitglieder in Vereinen. Rust ist unsere Heimat. Ich bin Ehrenbürger der Gemeinde Rust. Darauf bin ich stolz", erklärt er.

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