BW von oben Bevor die Touristen Seelbach entdeckten

Herbert Schabel

Der Blick in die Vergangenheit von Seelbach zeigt die Gemeinde zu einer Zeit, als der Tourismus dort noch in den Kinderschuhen steckte. 1968 war an den Campingplatz noch nicht zu denken, aber auch das Baugebiet Tretenhof gab es noch nicht.

Seelbach - Der Blick von oben auf die östliche Gemeindegrenze zeigt  1968  riesige kahle Stellen – zu sehen sind lediglich  die Ausläufer der Siedlung in der Nähe des Freibads. Das gab es  schon –  es  wurde 1960 gebaut, hatte Ende der 1970er-Jahre aber  freilich   noch keine Wellenrutsche. So etwas kannte man damals ja noch gar nicht.

1968 war das Jahr, in dem die Luftbilder für unsere Serie mit dem  Vergleich damals – heute entstanden sind.  In dem  Jahr   wurde   auch der TC Seelbach gegründet,  aber ohne einen eigenen Tennisplatz zu besitzen, wie  auf dem Luftbild  aus jener Zeit  zu sehen ist –  eben weil kein  Platz zu sehen ist. Die  Gründungsmitglieder schwangen in der Schulturnhalle die Schläger, bis  1969  der erste Sandplatz fertiggestellt wurde.  Das Vereinsheim wurde  1971 eingeweiht – fleißige Mitglieder hatten beim Bau mit angepackt und viele Eigenleistungen beigesteuert.

Obwohl  1968 gegründet, ist vom TC Seelbach noch nichts zu sehen

Tourismus  wurde    schon in den 1960er-Jahren in Seelbach betrieben, wenn auch in bescheidenem Stil. 1962 wurden zum Beispiel 13.720 Übernachtungen verzeichnet. Zum Vergleich: Vor dem Rückgang der Übernachtungszahlen   während  der  Corona-Pandemie hatte die Gemeinde 172 000 Übernachtungen pro Jahr. Wobei 60 Prozent  davon  auf das Ferienparadies Schwarzwälder Hof entfallen.  Womit wir beim  größten  Unterschied wären, der bei der Gegenüberstellung der Luftbilder aus Vergangenheit und Gegenwart ins Auge fällt.

Aufgereiht wie  Perlen an einer Schnur – so wirken heute aus der Vogelperspektive die Wohnwagen, die auf dem Campingplatz stehen. Die Anlage gibt es  seit 1996 – damals startete  die  Familie Schwörer mit 100 Standplätzen samt Sanitärgebäude, Kiosk und kleiner Blockhütte. Hintergrund war ein Wechsel des Begründers Robert Schwörer von der Landwirtschaft hin zum Tourismus. Das Ganze war zunächst recht überschaubar, sollte  sich aber zu einer  wahren Urlaubsoase mit Wellnessbereichen und abwechslungsreichen Freizeitangeboten entwickeln. Denn in den nächsten Jahren folgten kontinuierliche Vergrößerungen mit einem Restaurant aus Naturstammholz, weiteren Blockhäusern, Baumhäusern, Kinderspielbereichen und  zusätzlichen  Standplätzen für Wohnwagen – davon gibt es heute 200, also doppelt so viele wie beim Start.  Die neueste Attraktion im Schwarzwälder Hof ist das  Baumhaus-Dorf  auf der anderen Straßenseite, von dem es auf dem Luftbild von 1968 natürlich noch keine Spur gibt.

Doch nicht nur die gesamte Anlage  hat sich verändert, sondern auch das Campen dort.  Früher war  es zum Beispiel möglich, den Platz einfach   anzusteuern und dort sein Zelt aufzuschlagen – diese Spontanität konnten sich  die Camper erlauben. Heute geht das nicht mehr ohne vorherige Buchung. Auch der Komfort ist heute ein ganz anderer als Mitte der 1990er-Jahre. Auch deshalb hat die Anlage einen hervorragenden Ruf. »Der Seelbacher Campingplatz gehört zu den absoluten Top-Campingplätzen in Europa und ist ein Leuchtturm in Baden-Württemberg«, dieses bemerkenswerte Lob  formulierte  Kurt Bonath, Vorsitzender des Landesverbands Campingwirtschaft, bei einer Tagung in Seelbach 2021.

Das größte Kapital der in einer malerischen Landschaft zwischen Wiesen, Wäldern und Tälern gelegenen Gemeinde ist die intakte Natur,  einst wie heute. Seelbach darf seit 1969 das Prädikat »Luftkurort« führen, seit 1999 tragen auch die Ortsteile Schönberg und Wittelbach diese Auszeichnung. Insgesamt 40 Gastgeber bieten in Hotels, Ferienwohnungen und  Gästezimmern  eine  Beherbergung an, an der Spitze natürlich der Campingplatz. 

Der Tourismus ist längst ein sehr wichtiger Wirtschaftszweig der Gemeinde, die Erholungssuchenden  viel zu bieten hat, zum Beispiel zahlreiche Wanderwege in der Nähe. Auch die Burgruinen, vor allem Geroldseck und Lützelhardt, der Aktiv-Park mit Outdoor-Fitness-Geräten und Wassertretstelle oder  der Naturlehrpfad im Litschental sind für Gäste attraktiv, ebenso wie  das Familienbad mit Wellenrutsche   oder  der Geroldsecker Burgpfad mit Erlebnisstationen. Fahrradfahrer kommen  auf  dem Radweg Rhein-Schuttertal auf ihre Kosten.

Nicht nur der Tourismus,  auch der Ort selbst hat sich mächtig entwickelt

Aber nicht nur der Tourismus hat sich seit 1968 in Seelbach mächtig entwickelt, sondern auch die Gemeinde selbst. Auf dem Luftbild von damals fehlt das Baugebiet Tretenhof A, das erst in den 1970er-Jahren erschlossen  wurde. 1962 hatte Seelbach 3149 Einwohner, heute sind es rund 5.000. Nicht nur als Erholungsort, sondern auch als Wohnort ist die Gemeinde heute sehr beliebt – Baugrundstücke sind aber sehr rar und entsprechend begehrt.

Der Vergleich der Luftbilder von 1968 und heute veranschaulicht, wie sehr Seelbach sich verändert hat. Doch nicht alles, was heute  zu sehen ist, ist neu.  Bereits auf der Schwarz-Weiß-Aufnahme ist der geschichtsträchtige Tretenhof auszumachen, auf dem der  AWO-Bezirksverband Baden  seit 1968 eine Tageseinrichtung für Kinder unterhält.

Luftbild-Serie

BW von oben: Für das Projekt wurden  20.000 Luftbilder aus dem Jahr 1968 aufbereitet für das ganze Land, durchsuchbar nach Adressen und jeweils mit der heutigen Ansicht vergleichbar. Dazu  veröffentlichen wir   auch in unserer Mantelausgabe zahlreiche Artikel zu Orten in ganz Baden-Württemberg, an denen sich besonders viel verändert hat.

Ihre Geschichte: In den Luftbildern stecken unzählige Geschichten. Einige davon erzählt unsere Redaktion, aber ganz viele Geschichten kennen nur Sie, liebe Leserinnen und Leser. Möchten Sie uns eine davon erzählen? Oder fällt Ihnen eine Veränderung bei Ihnen vor Ort auf, über die wir berichten sollen? Dann freuen wir uns über einen kurzen Hinweis – am besten per E-Mail an redaktion@lahrer-zeitung.de.

  • Bewertung
    2