Baustelle im Ortskern Seelbacher Händler bangen um ihre Existenz

Seelbach - Im Seelbacher Ortskern, wo sonst reges Treiben herrscht, wird seit einiger Zeit gebaggert. Erst der Lockdown, dann eine Baustelle vor der Ladentür – für betroffene  Händler war der Übergang quasi nahtlos. Wir haben uns ihre Sorgen angehört.

»Jeden Abend kehren wir eine zentimeterdicke Staubschicht aus unserem Laden«, beschwert sich Michele Loconte über den aufgewirbelten Baustellendreck. Er ist Inhaber der Seelbacher Eisdiele »Il Capriccio«. Die lärmenden Baufahrzeuge hat er direkt vor der Ladentür. Eine Terrasse, auf der er Gästen mit seinen Eis-Variationen verwöhnen kann, konnte er dieses Jahr gar nicht erst eröffnen – trotz Lockerungen. An ihrer Stelle klafft aktuell ein metertiefes Loch. 

»Etwas Schlimmeres als die Baustelle hätte uns nach Corona nicht passieren können«, fährt Loconte fort. Seine Eisdiele läuft  im Minimalbetrieb, »wir arbeiten zu zweit«, was wohl völlig ausreicht. Der fehlende Durchgangsverkehr – immerhin 8000 bis 9000 Fahrzeuge durchqueren die Seelbacher Ortsdurchfahrt L 102 normalerweise täglich – sowie die geringe Laufkundschaft, schlagen sich auf sein Geschäft nieder. »Wir dachten, vergangenes Jahr wäre finanziell schlimm gewesen, aber dieses Jahr mit der Baustelle ist die Situation noch einmal schlimmer«, sagt Loconte, der, wie er im Gespräch zu verstehen gibt, ernsthaft besorgt um seine Existenz ist.

Bauarbeiter sind einzig verlässliche Kunden

Ob man die Baustelle nicht vor dem Sommer hätte angehen können, ist eine der Fragen, die er sich stellt, »etwas Unüberlegteres als diese Baustelle hätte nicht passieren können«. »Durch die Pandemie geht es uns allen schlecht, die Baustelle ist der letzte Totschlag für uns«, sagt Loconte betrübt, »das ist sehr traurig.« Die einzig verlässliche Kundschaft seien aktuell die Bauarbeiter, betont Loconte.  

Auch ein paar Türen weiter bei Lucia Glatz, Inhaberin des Deko-Geschäfts »Lucia’s Lebensstil«, ist die Stimmung nicht heiterer.  »Es ist wirklich nicht einfach, wir hatten die ganzen Jahre über immer wieder Baustellen – erst das Löffler-Areal, dann das Rathaus.  

Dann kam Corona und jetzt gibt’s wieder eine Baustelle.« Die Frequenz im Ort durch Tourismus und Berufsverkehr fehle komplett, berichtet die Seelbacherin. Gerade Berufspendler würden, in normalen Zeiten, wenn die Ampel unweit ihres Geschäfts auf Rot springe, in ihr Schaufenster blicken. »Die Leute sehen dann etwas und kommen abends nach der Arbeit vorbei.« Das  fällt nun gänzlich weg.  Wie sie ihr Geschäft am Laufen hält? »Das muss man jetzt mal gucken«, sagt sie. Denn auch ihr zweites Standbein im Bereich der Dekorationsgestaltung von Festen wie etwa Geburtstage oder Hochzeiten sei durch Corona  weggebrochen.

Baustellenstaub trübt die Sicht

Beim Besuch unserer Redaktion am Montagmittag in Seelbachs Ortsmitte herrscht dort Totenstille, kaum eine Menschenseele ist zu sehen.  Die Baustellengeräte pausieren über die Mittagszeit. Ein gelber Transporter bahnt sich seinen Weg durch die Steinwüste, fährt im Slalom um die Baustellengerätschaften und die -löcher herum. Staub wirbelt auf,  einige Minuten später trübt er die klare Sicht auf den strahlend blauen Himmel noch immer. 

Eine ungetrübte Sicht verspricht Optiker Thomas Panter seinen Kunden. Er ist Inhaber des Augenoptikergeschäfts Panter. »An Baustellen bin ich jetzt schon gewöhnt, vor zwei Jahren hatte ich die Rathaus-Baustelle direkt vor der Haustür.« Sonnenbrillen-Ständer brauche er derzeit keinen vor die Geschäftstür stellen – »die Laufkundschaft liegt bei Null«. Mit seinen Stammkunden habe sich die Situation ganz gut eingependelt.

Die meisten würden ihn einfach anrufen und sich nach den aktuellen Regeln erkundigen, bevor sie sich auf den Weg machten. 
Die Lärmbelästigung halte sich für ihn in Grenzen: »Das stört mich jetzt weniger.« Finanzielle Einbuße erleide er aktuell keine, die habe er eher  während der Zeit der Rathaus-Baustelle gehabt. Damals hätten Kunden sein Geschäft kaum wahrnehmen können, da der Platz davor stets mit Baustellen Fahrzeugen zugeparkt gewesen sei.

Das steht bevor

Die Seelbacher Hauptverkehrsader L 102 war innerorts entlang der Hauptstraße/Tretenhofstraße  in einem sehr schlechten Zustand. Deshalb wird die Straße nun erneuert, wobei neben  neuen Gehwegen auch umfangreiche Kanalarbeiten realisiert werden. Gerechnet wird mit einer Bauzeit bis in den Frühherbst hinein.  

Im Bauabschnitt 3  in der Tretenhofstraße von der katholischen Kirche bis zur Einmündung der Dauten­steinstraße  ist der Einbau des neuen Asphalts am Montag und Dienstag, 7. und 8. Juni, vorgesehen – vorausgesetzt, das Wetter spielt mit. Die Fahrbahn wird deshalb ab Montag, 7. Juni, 10 Uhr, bis zum frühen Morgen des 9. Juni voll gesperrt.

Ein Befahren der Tretenhofstraße sei dann nicht mehr möglich, warnt die Gemeindeverwaltung.  Während der Sperrung bleiben die Gehwege frei, sodass die Gebäude im Baustellenbereich zu Fuß erreichbar sind.

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