Baum von Pilzen und Baumkrebs befallen 100-jährige Platane muss in Friesenheim weichen

Friesenheim - Noch drei Monate, dann soll die alte Bahnhofsgaststätte in Friesenheim abgerissen werden: Bereits weichen musste die danebenstehende Platane. Mehr als 100 Jahre hatte sie den Wirtshausgästen als Schattenspender gedient.

Nun ist sie aber komplett von Pilzen und Baumkrebs zerfressen und im Kern auf mehr als einen halben Meter ausgehöhlt. Windböen haben jüngst abgestorbene Äste auf die Gleise geschleudert. Die Fällung war unumgänglich und dient der Verkehrssicherung. Auch die alten Tannen, die ebenfalls Mitte des vergangenen Jahrhunderts gepflanzt wurden, wurden bereits gefällt.

Gasthaus war beliebter Treffpunkt gewesen

Das Gelände um die Gaststätte befindet sich im Eigentum der Deutschen Bahn. Ältere Generationen von Friesenheimern und Schutterner erzählen sich heute noch Geschichten von Landwirten oder Arbeitern aus der Neffe Malzfabrik, die im Sommer nach getaner Arbeit in der Bahnhofsgaststätte unter der Platane ihr Feierabendbier tranken.

Um 1900 wird am Bahnhof in Friesenheim das "Gasthaus zum Bahnhof" errichtet – und die Platane im Biergarten als Schattenspender für die Gäste gepflanzt. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts wurde die Gaststätte durch die Freundlichkeit und Zugewandtheit von Familie Lemke ein geselliger Treffpunkt.

Ernst Lemke betrieb sie zusammen mit seiner Ehefrau Anna. Zugreisende und Einheimische ließen es sich bei Lemkes schmecken. Für viele Bauern war die Einkehr in der Bahnhofsgaststätte oder das Treffen unter der Platane der schönste Abschluss eines arbeitsreichen Tages. Die Landwirte fuhren in der Regel mit ihren Pferde- oder Ochsengespannen vor. Süße Stärkungen erhielten Kinder beim Sonntagsspaziergang mit einer Limonade.

"Ernst Lemke und seine Frau waren Persönlichkeiten", erzählt Ursel Pabst, geborene Erfurt, die als Kind in einem der Bahnwärterhäuschen wohnte. Um 1945 hat die Tochter der Lemkes, Hermine Lydia Seitz, das Bahnhofsrestaurant mit viel Liebe und Hingabe unter ihre Regie genommen.

Berühmt war ihre Küche für die besten Schnitzel und Steaks. Gäste ließen an der Kellertür anschreiben und haben je nach Lohntüte später ihre Zeche bezahlt. "Anschreiben gehörte quasi zum guten Ton und war keine Schande", erinnert sich Pabst. Wohnungsnot in den Nachkriegsjahren und die ankommenden Flüchtlingen aus Ostpreußen ließen die Fremdenzimmer für einige Jahre mit Geflüchteten belegen. Bis in die 1970er-Jahre wurde die Wirtschaft betrieben.

Info

In den kommenden drei Monaten wird nach der Fällung der Tannen und der 100 Jahre alten Platane auch das Gebäude der alten Bahnhofsgaststätte dem Erdboden gleichgemacht. Ob ein Überholgleis für die angedachte Güterverkehrsstrecke im Jahr 2040 gebaut wird, bleibt noch offen.

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