Amtsgericht Ettenheim Mann wird vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs freigesprochen

Julia Göpfert
Das Amtsgericht Ettenheim verhandelte den Fall an zwei Terminen. Foto: Göpfert

Der Angeklagte, der sich wegen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen vor dem Amtsgericht Ettenheim verantworten musste, ist am Mittwoch freigesprochen worden.

Ettenheim - Der Rentner aus Schwanau war angeklagt, einer zehnjährigen Ettenheimerin gegenüber bei einem Training im Sportverein pornografische Bemerkungen gemacht zu haben. Zuvor hatte sie mit ihm über ihre Menstruation und eine rutschende Hose gesprochen.

Bei der Verhandlung hatte Richter Wolfram Wegmann darüber zu entscheiden, ob eine sexuelle Äußerung gegenüber der damals Zehnjährigen gefallen sei, was gesprochen wurde und wie das rechtlich zu beurteilen sei. Dazu sagten die Schulsozialarbeiterin, die Schwester, die Großmutter und die Freundinnen der damals Zehnjährigen sowie eine Polizistin aus. Zuvor waren bei einem Termin Anfang Juli bereits die Mutter, der Vater sowie das inzwischen elfjährige Mädchen selbst vernommen worden.

Die Jugendsozialarbeiterin schilderte, dass die Zehnjährige acht Tage nach der vermeintlichen Tat von Lehrern zu ihr geschickt worden sei. Das Mädchen sei aufgewühlt gewesen und hatte morgens in der Schule geweint. Die damals Zehnjährige hatte sich der Schulsozialarbeiterin anvertraut und aufgeschrieben, was der Mann damals zu ihr gesagt haben soll, weil sie es nicht über die Lippen bekommen habe, es auszusprechen. Die Schulsozialarbeiterin legte dem Gericht den Zettel vor.

Sie und auch die Großmutter des Kindes schilderten zudem, dass diese sich damals generell in einer schwierigen Situation befunden habe: Die Eltern hätten sich gerade getrennt und es sei zu Hause oftmals lautstark zugegangen. Auch in der Schule habe es wohl Mobbing gegeben.

Von den drei Schulkameradinnen der Angeklagten konnte sich nur eine noch an das Gespräch mit ihr über den Vorfall erinnern. Die Schwester der damals Zehnjährigen hatte nur über eine andere Bekannte von dem Vorfall erfahren, die das Gespräch zwischen ihr und den Schulkameradinnen mitangehört hatte.

Die Polizistin erklärte, dass, als sie den Mann von der Anklage gegen ihn unterrichtete, er eventuell gemachte Äußerungen dahingehend rechtfertigte, dass die Zehnjährige ja auch mit ihm über ihre Periode gesprochen habe. Zudem habe er erklärt, das Mädchen habe es "faustdick hinter den Ohren".

Während die Staatsanwaltschaft, die sechs Monate Haft auf Bewährung forderte, es als erwiesen ansah, dass Äußerungen gefallen waren, meldete der Rechtsanwalt Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers an. Er hielt es durchaus für möglich, dass sie die Äußerungen aufgrund ihrer schwierigen familiären Situation nur erfunden habe, um sich von ihren Freundinnen trösten zu lassen. Die Verbreitung der Geschichte sei dann außer Kontrolle geraten.

Ein großes Problem bei der Verhandlung war, dass die Zehnjährige damals, als die Anzeige aufgenommen worden war, nicht von der Polizei vernommen worden war, weil der Vater dies nicht gewollt habe. Nur die Mutter, die damals die Anzeige gestellt hatte und der Vater hatten dazu ausgesagt. Dadurch ließ sich der genaue Wortlaut des Gesagten nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Man hätte entsprechend – zur Not mit Hilfe der Staatsanwaltschaft – mit dem Vater reden müssen, dass er einer Vernehmung seiner Tochter zustimmt, rügte der Richter deutlich. Die Fehler, die damals gemacht worden waren, seien in der Verhandlung nicht mehr "reparierbar" gewesen.

Genauer Wortlaut lässt sich nicht mehr rekonstruieren

So wichen etwa die Worte auf dem Zettel der Schulsozialarbeiterin von dem Wortlaut, den die Mutter des Opfers der Polizei gesagt hatte, ab. Auch Großmutter und Schulkameraden konnten sich nicht genau an den Wortlaut erinnern.

In allen Versionen kam der Begriff "Schamlippen" vor und dass Männer gerne mit der Zunge daran spielten. Zudem sollte der Angeklagte sich dahingehend geäußert haben, dass es schade sei, dass er und die damals Zehnjährige nicht mehr Zeit miteinander hätten. Der Richter glaubte zwar, dass es eine entsprechende Äußerung gegeben habe. Allerdings seien neutrale Gespräche über Sex nicht strafbar. Ein sexueller Missbrauch Minderjähriger liege nach Paragraf 176 Absatz vier erst vor, wenn die Gespräche mit den Minderjährigen einen pornografischen Gehalt hätten. Der Inhalt müsse über eine Geschmacklosigkeit oder Anstößigkeiten hinausgehen, hinein ins Übersteigert-Anreißerische, legte der Richter unter Zuhilfenahme verschiedener Beispiele aus der Rechtssprechung dar.

Im angeklagten Fall sei der medizinisch korrekte Begriff Schamlippen gefallen. Die gewählten Worte seien relativ neutral gewesen. Es habe kein Abgleiten ins Ordinäre gegeben. Auch die Aussage, noch Zeit miteinander verbringen zu wollen, sei zu ungenau, um daraus ein sexuelles Einwirken auf das Kind abzuleiten. Damit konnte der pornografische Gehalt des Sprechens nicht eindeutig festgestellt werden, sodass der Angeklagte freigesprochen wurde.

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