Altenheim "Als Schiri hoffst du nicht auf Applaus"

Der Altenheimer Schiedsrichter Fabian Baumgart (links) und sein Offenburger Partner Sascha Wild haben in Sachen Handall schon fast alles erlebt. Foto: Kleinjung/DHB Foto: Lahrer Zeitung

Das Schiedsrichter-Gespann Fabian Baumgart (39) und Sascha Wild (37) zählt zu den besten Unparteiischen-Duos Europas. Seit mehr als 20 Jahren sind die beiden Ortenauer bereits an der Pfeife aktiv. Und auch wenn Baumgart und Wild bei der Handball-WM im eigenen Land nur Zuschauer sein werden, haben sie noch große Pläne in ihrem Nebenjob. Und vielleicht winkt ja sogar eines Tages noch einmal ein Derby zwischen Hofweier und Schutterwald.

Herr Baumgart, Herr Wild, Sie pfeifen seit Jahren in Berlin, Paris und Barcelona – schauen Sie denn auch noch auf den Handball in der Ortenau?

B: Ja, auf jeden Fall. Natürlich bin ich nicht bei jedem Spiel von Altenheim in der Halle, manchmal will ich auch zu Hause sein. Aber natürlich bin ich meinem Heimatverein sehr verbunden! W: Und als Altenheim in Elgersweier gespielt hat, waren wir natürlich auch in der Halle.

Klingt nach einer Wette.

B: Naja ich hab schon gesagt, dass Altenheim gewinnt. Leider haben wir dann mit einem Tor verloren – aber Sascha hat mich danach Gott sei Dank in Ruhe gelassen. Ich denke an diesem Tag war es ein verdienter Sieg für Elgersweier. W: Auf jeden Fall!

Können Sie denn überhaupt ein Handballspiel einfach nur schauen? Oder achten Sie automatisch auf die Schiedsrichterleistung?

B: Ich schaue mir das Spiel schon allgemein an, aber schon sehr, sehr Schirilastig. Dabei bin ich dann immer Schiedsrichterfreund. W: Ja, der Fokus geht auf jeden Fall Richtung Schiedsrichter.

Sie beide pfeifen seit 2005 zusammen im Gespann. Können Sie sich noch erinnern, welches Spiel das erste war, das Sie gemeinsam gepfiffen haben?

B: Puh, das weiß ich nicht mehr (lacht). Das müsste ich erst recherchieren. W: Das erste Spiel in der damaligen Regionalliga war am 8. Oktober 2005 in Haslach/Herrenberg.

Hatten Sie denn immer schon das Ziel, in der Bundesliga zu pfeifen?

W: Anfangs eigentlich nicht. Da haben wir gepfiffen, um die Fehlstelle im Verein zu besetzen. B: Später hatten wir dann schon dann das Ziel, noch mal eine Stufe aufzusteigen. Als wir dann in der Regionalliga waren, haben wir gemerkt, dass es gut läuft und wir uns schon mehr vorstellen können. Und dann war definitiv das Ziel 1. Bundesliga. W: Aber dass wir dann auch im internationalen Bereich ankommen könnten, haben wir uns eigentlich nie gedacht damals. Aber als dann die Möglichkeit da war, haben wir das – nach längeren Gesprächen und Überlegungen – dann auch gemacht.

Auf jeden Fall haben Sie eine steile Karriere hingelegt. Wie ist das, wenn man in der Bundesliga in Hallen mit 8000 oder mehr Zuschauern pfeift und die Halle gegen einen ist? Nimmt man so etwas wahr?

W: Es geht, man hört da viele Sachen nicht mehr. B: Wenn man zum Beispiel ein Derby in der Südbadenliga anschaut, hört der Schiedsrichter mehr Einzelmeinungen als wir in den großen Hallen.

Und wie geht man mit einem Pfeifkonzert und der Geräuschkulisse um?

B: Man hat ja eh ein Headset im Ohr und auf der anderen Seite habe ich auch noch Ohropax drin. Man versteht zwar alles und hört alles, aber wir haben da mittlerweile auch Erfahrung. Lärm ist ja ganz normal. W: Man kann ja auch nirgends als Schiri auf Applaus hoffen – das ist ja klar. B: Und natürlich versuchen die Fans der Heimmannschaft, Druck aufzubauen. Aber das ist ja legitim und auch genau das schöne am Handball. Gerade in kleinen, engen Hallen. W: Wir wissen ja auch schon vorher, was uns in gewissen Hallen erwartet. Und mit der Zeit lernt man, damit umzugehen.

Der Zeitaufwand ist für Sie ja teilweise extrem hoch – wie funktioniert das im Privaten und im Beruflichen?

B: Man muss sich arrangieren und flexibel sein. Ich habe da mit meinem Arbeitgeber eine gute Lösung gefunden. Und auch meine Familie steht hinter mir und unterstützt mich, wo es nur geht. W: Generell versuchen wir auch – wenn wir in der Champions League unterwegs sind und am Tag vorher anreisen müssen – abends möglichst spät zu fliegen, um tagsüber noch zu arbeiten. Aber wir sind auch schon mal Sonntag früh morgens nach Magdeburg losgefahren, nach dem Spiel dann direkt heimgefahren und sind dann um 4 Uhr nachts wieder in Offenburg gewesen. B: Und am nächsten Morgen dann wieder zur Arbeit – das merkt man dann natürlich schon. W: Man muss schon handballverrückt sein, um den Job so lange zu machen.

Wie läuft so ein Spieltag für Sie ab? Haben Sie auch Zeit für Sightseeing?

B: Ja, natürlich schaut man sich auch ein paar Sachen an – aber oft ist es auch alles sehr geballt. Wir kommen meist recht spät dort an, am nächsten Morgen ist dann um 10 Uhr die technische Besprechung und Hallenbegehung und danach gehen wir Mittagessen und schauen uns auch ein bisschen die Sehenswürdigkeiten an. Wir gehen aber auch gerne noch mal ins Hotel zurück und konzentrieren uns aufs Spiel.

Und wie bereiten Sie sich dann außer mit einem Mittagsschlaf auf ein Spiel vor?

W: Also in der Bundesliga kennen wir mittlerweile die Mannschaften und deren Spieler, da müssen wir uns auf kein Spiel mehr speziell vorbereiten.

Also kein Videostudium?

B: Doch, Videostudium und Videonachbereitung machen wir schon. Aber wir schauen nicht nach jedem Spiel das gesamte Spiel nochmals an. Wir wissen, in welchen Situationen wir falsch lagen oder wo wir uns unsicher sind und die Einzelsituationen können wir dann erneut anschauen. Und das bewerten wir dann. Aber in der Schnelligkeit kann man natürlich auch nicht immer alles richtig entscheiden.

Wie sieht denn ihre Zukunft aus? Gibt es etwas, was Sie noch erreichen möchten? 2019 ist ja WM in Deutschland.

B: Ja, aber um bei einer WM pfeifen zu dürfen, müssten wir aus dem EHF-Kader in die IHF aufsteigen – und dafür sind wir zu alt. Aber wir pfeifen ja Champions League und sind damit sehr glücklich und zufrieden

2024 ist ja dann Europameisterschaft in Deutschland.

B: Ja, wer weiß (lacht). Aber natürlich kann man sich das nicht aussuchen, das muss der Verband entscheiden.

Und wie siehts hier in der Region aus? Werden Sie hier noch mal ein Spiel leiten?

W: Das wissen wir heute noch nicht. B: Wir können heute auch noch nicht sagen, wie lange wir überhaupt noch pfeifen. Momentan ist das auf jeden Fall klasse und es macht uns Spaß. Aber ob wir irgendwann noch einmal Südbadenliga oder so pfeifen: Keine Ahnung. W: Ein Spiel Hofweier gegen Schutterwald wäre bestimmt interessant. Aber ich denke, das können wir heute weder bestätigen noch ausschließen. Das ist ja alles noch in weiter Ferne.   Die Fragen stellten Felix Gieger und Sebastian Klaus

Seit 2005 stehen Fabian Baumgart (Altenheim) und Sascha Wild (Elgersweier) schon gemeinsam an der Pfeife. Anfang 2017 gelang den beiden Ortenauern nach zwei Jahren als Elite-Schiedsrichter, dem höchsten

DHB-Kader, der Aufstieg in den EHF-Kader. Mehr als 350 Einsätze haben die beiden Schiedsrichter inzwischen schon für den DHB vorzuweisen. Im wirklichen Leben arbeitet Baumgart als Bezirksgeschäftsführer bei der Barmer GEK in Lahr. Wild ist als Selbstständiger in seiner Firma "Wild & Brüderle", einem Unternehmen für Sanitär- und Heizungsbau, beschäftigt. Als Spieler schaffte es Baumgart mit dem dem TuS Altenheim bis in die Oberliga, bis in eine Handverletzung als Aktiver ausbremste und die Schiedsrichterkarriere begann. Seit 2015 leitete das Duo alleine dreimal ein Spiel im Final Four des DHB-Pokals in Hamburg. Besonderes Highlight: Zuletzt standen die beiden Ortenauer beim Pokalgewinn der Rhein-Neckar Löwen im Mai auf der Platte.

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