50 Jahre Zweckverband Landrat Scherer zur Anlage auf dem Kahlenberg

Marco Armbruster
Projekt mit Leuchtturmeffekt: Am technischen Know-how des Zweckverbands Abfallbehandlung Kahlenberg ist man unter anderem in China oder Thailand interessiert. Auch in Deutschland sucht die Ringsheimer Anlage ihresgleichen. Foto: Bildstein

Der Ortenaukreis und der Landkreis Emmendingen gründeten vor 50 Jahren den Zweckverband Abfallbehandlung Kahlenberg (ZAK), um in Ringsheim Müll von inzwischen mehr als 600 .000 Menschen zu behandeln. Im Gespräch mit unserer Zeitung geht Landrat Frank Scherer als Vorsitzender auf die Besonderheiten der Anlage, Vorbehalte in der Bevölkerung und aktuelle Baumaßnahmen ein.

Herr Scherer, Müll ist ja selten ein Thema, über das man mit Freude spricht. Wieso ist das hier anders?

Weil wir als Zweckverband Abfallbehandlung Kahlenberg in Ringsheim eine in Deutschland einmalige, innovative, mechanisch-biologische Abfallbehandlungsanlage – kurz MBA – betreiben. Das Besondere daran ist, dass wir Hausmüll aus der Grauen Tonne verwerten und dabei Rohstoffe und Energie gewinnen. Die Anlage steht für höchste ökologische Standards und Sauberkeit, Fortschritt und Technologie. Zudem ermöglicht sie, besonders niedrige Müllgebühren festzusetzen.

Der ZAK wurde 1971 als Deponie gegründet – galt damals schon als Leuchtturmprojekt – wieso?

Der damalige Zweckverband wurde von den Kreisen Lahr und Emmendingen in einer Zeit gegründet, in der sich niemand wirklich Gedanken über eine ordentliche Müllbeseitigung gemacht hat. Anfang der 1970er-Jahre gab es allein im heutigen Ortenaukreis um die 120 ungeordnete Müllkippen. Der ZAK war eine Kooperation der beiden Landkreise mit dem Ziel, den Müll gemeinsam und sicher zu entsorgen. Damals ein neuer Gedanke.

Sicher entsorgen? Was heißt das und war das damals überhaupt möglich?

Gängige Praxis waren in jenen Tagen ungesicherte Müllkippen "irgendwo in der Landschaft" – aus heutiger Sicht Schandflecke in der Natur mit großem Gefahrenpotenzial für Mensch und Umwelt. Der ZAK erfasste und behandelte von Anfang an Sickerwasser und ging auch die Deponieentgasung frühzeitig an. Zu Recht galt er damals als sicherste Hausmülldeponie Baden-Württembergs.

Eine Deponie – später eine Abfall-Verwertung – ist ja erst mal kein beliebter Nachbar. Das machte sich in der Ringsheimer Bevölkerung bemerkbar. Auch heute gibt es noch Vorbehalte. Sind die begründet?

Es gab in den vergangenen 50 Jahren immer wieder nachvollziehbare Vorbehalte und eine kritische Begleitung der Vorhaben des ZAK. Erfreulicherweise gehören wesentliche Geruchsbelästigungen heute der Vergangenheit an – dank großflächiger Folienabdeckung der Deponieabschnitte und zusätzlicher Einhausung, die nahezu vollständig verhindert, dass Gerüche nach außen treten.

Was passiert aktuell am Kahlenberg?

Am Kahlenberg wird wieder gebaut. Wir bauen an einem weiteren innovativen Meilenstein, einer Anlage zur Rohstoffrückgewinnung! Ein Großteil der aus dem Hausmüll gewonnenen Ersatzbrennstoffe, die bisher per Lkw zur Energieerzeugung etwa zur Zement- oder Papierindustrie gebracht werden, wird im ZAK verbleiben und dort behandelt, um vor allem Phosphor zurückzugewinnen, ein Hauptnährstoff vor allem für die Landwirtschaft. Auch dagegen gab es Vorbehalte

Sind diese Vorbehalte denn komplett unbegründet?

Die Anlage ist auf höchstem technischen und ökologischen Niveau konzipiert. Dabei werden von uns – über das gesetzlich Erforderliche hinaus – Emissionsstandards gesetzt, die garantieren, dass es für die Bevölkerung in der Region und für die wertvollen Naturschutzflächen keine Belastungen geben wird. Zudem entfallen pro Jahr rund 2000 Lkw-Fahrten.

Der Ortenaukreis und der Landkreis Emmendingen sind die einzigen Kreise im Land, die keine Biotonne haben. Warum eigentlich?

Die Graue Tonne ist nicht nur unsere Restmüll- sondern zugleich auch unsere Biotonne. In der MBA verwerten wir die Bioabfälle aus dem Restmüll zu 100 Prozent. Die Weichen dafür wurden Jahre vor dem Deponierungsverbot von unbehandeltem Rest- und Hausmüll unter der Regie von Geschäftsführer Georg Gibis gestellt.

Gibt es bei der Verwertung des Hausmülls einen Rückstand, der nicht auf irgendeine Weise genutzt werden kann? Was passiert damit?

Am Ende der Abfallbehandlung in der MBA verbleiben nur wenige nicht verwertbare Reste von weniger als einem Prozent. Sie gehen in die thermische Restabfall- und Energieerzeugungsanlage in Eschbach und werden verbrannt. Dabei wird natürlich auch Strom und Wärme erzeugt und die entstehende Schlacke kann im Deponie- und Straßenbau verwertet werden. Hinzu kommen rund zehn Gewichtsprozent Mineralstoffe, wie Steine oder Keramikscherben, die auf der Deponie abgelagert werden.

Wieso gibt es eigentlich nicht mehr Anlagen dieser Art in Deutschland?

Weil ab 2005 ein Ablagerungsverbot für Siedlungsabfälle galt und dadurch nahezu alle Landkreise bereits langfristige Verträge mit Müllverbrennungsanlagen abgeschlossen hatten, als die MBA 2006 in Betrieb ging. Zwischenzeitlich wurde in Lille in Frankreich eine nahezu identische Anlage in Betrieb genommen und die von uns 2010 gegründete MYT Business Unit GmbH, eine eigens zu Vermarktungszwecken gegründete Firma, vermarktet das technologische Know-how international – mit Erfolgen beispielsweise in China oder in Thailand.

Was trägt der ZAK zum Klimaschutz bei?

Von Anfang an wurde am Kahlenberg Methangas, das etwa 25 Mal mehr zur Klimaerwärmung beiträgt als CO, aktiv abgesaugt und im eigenen Blockheizkraftwerk zur Strom- und Wärmeerzeugung verwertet. Zusammen mit dem in der MBA aus dem Bio- und Hausmüll gewonnenen Biogas kann nun noch mehr Strom und Wärme erzeugt werden, für den Eigenbedarf des ZAK und für rund 250 Ringsheimer Haushalte.

Ist abzusehen, dass der ZAK irgendwann an Grenzen stößt?

Nein, mit der MBA sind wir sehr gut und zukunftsorientiert aufgestellt. Und soweit Ablagerungen auf den Deponien erforderlich sind, beispielsweise für Bodenaushubmassen oder Bauabfälle, muss natürlich mit den vorhandenen Deponiekapazitäten weiterhin schonend umgegangen werden. Zudem gewinnt Abfallvermeidung, Verwertung und Recycling immer mehr an Bedeutung im Bewusstsein der Menschen und in der Politik.

Info: 100.000 Tonnen Abfall jedes Jahr

Der ZAK mit seinen 100 Mitarbeitern unter der Leitung von  Georg Gibis betreibt in Ringsheim neben Deponien für mineralische Abfälle und Erdaushub einen Wertstoffhof,   Anlagen zur Wasserbehandlung, Energiegewinnung und Energieversorgung. In der mechanisch-biologische Abfallbehandlungsanlage werden 100.000 Tonnen Abfall jedes Jahr behandelt. Für rund 30 Millionen Euro entsteht bis 2023 eine neue Anlage zur Rohstoffrückgewinnung.

  • Bewertung
    1