50 Jahre Eingemeindung "Sulzer wollten es den Lahrern zeigen"

Jonas Köhler

Zunächst hat die Sulzer die Aufgabe ihrer Eigenständigkeit geschmerzt, aus wirtschaftlicher Sicht war sie jedoch vernünftig. Gegenüber der LZ erinnert sich Ortsvorsteher Rolf Mauch an die Eingemeindung in die Stadt Lahr vor 50 Jahren.

Sulz - 13 Jahre war Rolf Mauch alt, als 1972 das damals eigenständige Sulz in die Stadt Lahr eingemeindet wurde. "Ich war damals natürlich noch nicht so politisch interessiert, aber ich habe das schon mitbekommen", berichtet der heutige Dorfchef. Nicht alle Sulzer hätten der Eingemeindung mit Freude entgegengeblickt. "Es wurde als Opfer gesehen", erinnert sich der in Sulz aufgewachsene Ortsvorsteher. Doch wie viele kleinere Gemeinden zu dieser Zeit war Sulz "finanziell nicht auf Rosen gebettet", so Mauch. "Aus wirtschaftlicher Sicht war es vernünftig."

Es waren nicht unbedingt Gruppen, sondern vor allem Einzelpersonen, die sich vor 50 Jahren gegen den Zusammenschluss aussprachen, erzählt der Ortsvorsteher weiter. Von politischer Unterwerfung sei die Rede gewesen. Die Aufgabe der Eigenständigkeit habe geschmerzt, letztlich hätten aber die Kritiker gesagt: "Wir werden es den Lahrern schon zeigen."

Was die meisten Sulzer überzeugt hat? Vor allem, so Mauch, der Bau der Mehrzweckhalle, den die Stadt Lahr mit der Eingemeindung versprochen hat. Sicher aber auch der damalige Lahrer Bürgermeister Philipp Brucker, der einst mit dem Fahrrad nach Sulz kam, um öffentlichkeitswirksam für den Zusammenschluss mit Lahr zu werben. Acht zu drei lautete im Gemeinderat letztendlich das Abstimmungsverhältnis pro Lahr.

Wie stolz die Sulzer auf ihre Eigenständigkeit waren und auch darauf, Probleme aus eigener Kraft zu lösen, erläutert Mauch anhand des Themas Feuerwehr. Hatte es in Sulz gebrannt, wollten die Feuerwehrleute die Flammen unbedingt selbst löschen. "Sobald Hilfe aus Lahr eintraf, hieß es ›Das ist unser Feuer!‹", erzählt der Ortsvorsteher. Nach der Eingemeindung habe sich dieses Verhaltene jedoch nach und nach gelegt. Lange hätten die Sulzer als ihre postalische Anschrift stets "Lahr-Sulz" angegeben und auch darauf bestanden, dass andere es tun. Auch dies habe jedoch nachgelassen. Heute ließen die meisten Sulzer den Stadtteilnamen weg und könnten sich auch mit der Stadt Lahr identifizieren.

Und dennoch: "Sulz sieht sich immer noch als Dorf", erklärt Mauch. Den Ort beschreibt er als "attraktive Wohngegend mit guter Lage und gut funktionierender In-frastruktur", auch wenn diese langsam zu bröckeln anfange: "Wir haben die Apotheke, drei Gaststätten und die Metzgerei verloren. Außerdem wurden zwei Bankfilialen geschlossen. Aber das ist eben der Zeitgeist mit der Umstellung auf Online-Banking." Sonderlich kritisch sieht Mauch diese Entwicklung nicht. Schließlich sei man sehr schnell in der Stadt.

Wichtiger ist für den Ortsvorsteher, dass Menschen "sehr gerne nach Sulz ziehen". Viele junge Leute hätten Interesse in Sulz bauen, können es aber nicht, da es zu wenig Bauplätze gibt. "Die gehen weg wie heiße Semmeln", beschreibt es Mauch plakativ. Bei diesem Thema bremse die Abhängigkeit von der Stadt Lahr etwas. Wenn Sulz noch eigenständig wäre, könnte der Ort schneller auf Bedarf reagieren. Wenn es dann doch jemand schaffe, einen Bauplatz zu ergattern und frisch nach Sulz zu ziehen, dann würde dieser auch stets gut aufgenommen. "Zugezogenen fällt es leicht, sich als Sulzer zu fühlen. Es gibt keine Eigenbrötler. Wir sind weltoffen", so Mauch stolz über das Dorf.

Ein Grund, warum es sich in Sulz gut leben lasse, sei das Vereinsleben im Ort. Durch die Pandemie sei dieses zwar aus dem Tritt gekommen, doch könne in Sachen Freizeitgestaltung jeder etwas für sein Interesse finden. 18 Vereine gibt es. Den Fußballverein mit 160 Kindern und Jugendlichen hebt Mauch besonders hervor. Dieser sei nicht nur für den heimischen Nachwuchs interessant, auch von außerhalb kommen Mädchen und Jungs, um in Sulz zu kicken. Auch der Jugendclub, der sich selbst verwaltet, sei zu erwähnen. Neben den Vereinen spiele die Nähe zu Flora und Fauna eine große Rolle in Sachen Lebensqualität. "Egal, wo man wohnt, in drei Minuten ist man draußen in der Natur", sagt der Ortsvorsteher.

Nichtsdestotrotz gebe es im mit 3650 Einwohnern größten Lahrer Stadtteil Verbesserungsbedarf. "Der ÖPNV lässt zu wünschen übrig – vor allem am Wochenende", beklagt Mauch. Dies betreffe besonders Senioren, die Besorgungen in der Stadt machen wollen, aber auch Besucher, die vom Lahrer Bahnhof nur über Umwege in den Ort finden. Dementsprechend freut sich Mauch auf die geplanten Mobilitätsstationen, die eine schnelle Fahrt in die Stadt mit dem Pedelec ermöglichen sollen. Ebenfalls noch wünschenswert sei ein eigenes Seniorenzentrum.

Letztlich wäre im Bezug auf die Eingemeindung "eine andere Entwicklung nicht machbar gewesen", so der Ortsvorsteher. Die Zusammenarbeit mit der Verwaltung in Lahr klappe gut, während der Ortschaftsrat dazu beitrage, die Sulzer Identität zu stärken.

Nun freut sich Mauch auf die Feier zum 750-jährigen Bestehen des Dorfs, die im Laufe des Jahres endlich umgesetzt werden soll. "Sulz im Loch – man findet’s doch", lautet ein alter Spruch im Ort, der diesen auch perfekt beschreibe. Trotz der versteckten Lage habe Sulz einiges zu bieten. Entsprechend gerne kämen die Leute.

Info - 50 Jahre Eingemeindung

Im Zuge der Kommunalreform wurden im Jahr 1972 die sieben heutigen Lahrer Stadtteile, die bis dahin eigenständige Gemeinden waren, in die Stadt eingegliedert. Die Lahrer Zeitung blickt in einer Serie auf den Prozess der Eingemeindung zurück und stellt die Entwicklung der einzelnen Stadtteile seit 1972 dar.

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