Im Verbund des Ortenau-Klinikums stehen massive Veränderungen an. Es drohen nach Informationen unserer Redaktion Schließungen gleich mehrerer Krankenhäuser, unter anderem in Ettenheim. Hinter den Kulissen beginnt eine politische Schlacht.

Ortenaukreis. Eine harmlos klingende Pressekonferenz war vom Ortenau-Klinikum für den Donnerstagmorgen angesetzt worden. Thema: "Strategie des Klinikums für die kommenden Jahre". Doch die Presse wurde kurzfristig wieder ausgeladen. Grund: Es gebe noch Gesprächsbedarf.

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Das ist nach Informationen unserer Redaktion stark untertrieben. Im Klinikverbund explodiert derzeit die Debatte, wie es mit den Krankenhäusern weitergehen soll. In nichtöffentlicher Sitzung hatte sich der Krankenhausausschuss des Landkreises am Mittwoch über viele Stunden hinweg mit diesem Thema befasst. Dort zündete die Bombe. In ihrer Heftigkeit völlig unerwartet, wie aus Teilnehmerkreisen zu erfahren war.

"Das kam für uns in dieser Tragweite aus heiterem Himmel", schildert ein Gesprächsteilnehmer. Im Vorfeld habe es zwar schon erste Anzeichen für mögliche Schreckensszenarien gegeben. Doch solche, wie sie jetzt geheim präsentiert wurden, hätten die meisten beteiligten Kommunalpolitiker nicht für möglich gehalten, zeigen sich Beteiligte geschockt.

Tatsächlich stehen mehrere Szenarien im Raum, vorgestellt von Gutachtern im Auftrag des Klinikverbunds. Die weitreichendste Variante sieht nicht weniger als die Schließung aller bisherigen Krankenhäuser und den Neubau eines zentralen, einzigen großen Klinikneubaus vor.

Mit dieser Lösung, für die es in Villingen-Schwenningen schon ein nicht weit entferntes Beispiel gibt, wären alle Probleme in Sachen Altbauten, fehlender Erweiterungsflächen und schwieriger Infrastruktur gelöst. Freilich zum Preis, dass künftig alle Kranken zentral in nur eine Klinik im Landkreis fahren müssten. Mit allen Konsequenzen für eine schnelle medizinische Versorgung im Notfall. Auch Angehörige müssten dann weitere Wege als heute auf sich nehmen, um Patienten zu besuchen. Denn ein Komplett-Neubau würde mit Sicherheit in der Mitte des Landkreises entstehen. Also im Raum Offenburg.

Szenario zwei, so das Gutachten, ist für viele Orte nicht weniger erschreckend: Komplette Krankenhäuser würden geschlossen und die Versorgung in wenigen restlichen großen Häusern zentralisiert. Auf dieser Abschussliste stehen nach mehrfach bestätigten Informationen unserer Redaktion besonders die Häuser in Ettenheim, Kehl, Achern und Oberkirch.

Ein drittes Szenario ist weniger giftig und sieht Strukturveränderungen in den bestehenden Häusern vor. Also auf Deutsch: eine Spezialisierung der Kliniken, die Bündelung von Angeboten und ei­ne weniger breite, nicht flächen­deckende Rundum-Versorgung.

Das hat den Kommunalpolitikern am Mittwoch freilich nicht geschmeckt. In der Sitzung flogen die Fetzen. Noch kurz vor seiner Wiederwahl vorigen Herbst hatte Landrat Frank Scherer erklärt gehabt, die Ortenau-Krankenhäuser seien sicher. Und nun diese Bombe. Selbst Offenburgs Oberbürgermeisterin Edith Schreiner sei die Kinnlade heruntergefallen. Es habe zahlreiche Nachfragen, blankes Entsetzen und eine "ziemlich emotionale Debatte" gegeben, hieß es. Im Klartext: Die Gutachter-Empfehlungen wurden von den Kommunalpolitikern und anwesenden Ärztlichen Direktoren der Kliniken zerpflückt.

Der Geschäftsführer des Klinikverbunds, Christian Keller, sagte in der internen Sitzung Defizite für die Häuser voraus, "dass die Wände wackeln", schildert ein Teilnehmer. Da sei sehr extrem gerechnet worden, zu Ungunsten vieler Häuser. Am wirtschaftlich schlimmsten stehe Kehls Spital da. Zahlen zu den Defiziten der Spitäler waren bislang nicht zu erfahren.

Offiziell gingen am Donnerstag alle Betroffenen auf Tauchstation. Vom Ortenau-Klinikum: Eine dürre Meldung, es gebe eine weitere Sitzung am 23. Mai, freilich nichtöffentlich und die Klinikleitung wolle die Sitzung mit "möglichen Modellen einer strukturellen Weiterentwicklung des Ortenau-Klinikums" vorbereiten.

Landrat Frank Scherer wollte gestern über die Pressemitteilung des Landratsamts hinaus keine Stellungnahme abgeben. "Spekulationen können wir nicht kommentieren", sagte sein Pressesprecher Kai Hockenjos zu Informationen unserer Zeitung, wonach die Schließung unter anderem der Krankenhäuser in Ettenheim und in Oberkirch zur Debatte steht.

Der Lahrer Oberbürgermeister Wolfgang G. Müller bezeichnete es als richtig, dass der Gesundheitsbereich einer Prüfung unterzogen wird. "Klar ist, dass die bisherige Struktur des Ortenau-Klinikums teuer ist", sagte er. Da stelle sich durchaus die Frage, wie in Zukunft die Aufgabenteilung zwischen den einzelnen Standorten aussieht. Ansonsten müsse über eine Erhöhung der Kreisumlage diskutiert werden. Nach gesicherten Informationen unserer Zeitung ist der Lahrer Standort auch nicht gefährdet.

In Ettenheim, wo das dortige Krankenhaus mächtig wackelt, gibt sich Bürgermeister Bruno Metz bedeckt. Die Beratung sei intern gewesen. Es habe keinen empfehlenden Beschluss gegeben, nur erste Papiere. Diese "Gedanken und Überlegungen" gelte es nun zu bearbeiten, sagt er diplomatisch. Wirklich glücklich klang Bruno Metz am Telefon allerdings nicht.

Genauso wie seine Gemeinderäte. Auch wenn der Kampf um den Erhalt des Ettenheimer Standort schon seit mehr als 20 Jahren währt – die Bestürzung ob der aktuellen Entwicklung ist groß. Im Gespräch mit den vier Fraktionsvorsitzenden fallen Begriffe wie "absolute Katastrophe", "völlig daneben" und "herber Schlag".

In der Rohanstadt fürchtet man, einen wichtigen Standortfaktor zu verlieren. Schließt das Krankenhaus seine Pforten, so der Tenor, verliere man an Attraktivität für junge Familien. Das wieder­um habe negative Auswirkungen auf die Unternehmen in der Region – Arbeitsplätze könnten künftig unbesetzt bleiben. Sollte der Betrieb am Klinikum tatsächlich auslaufen, fordern die Fraktionen zumindest Kompensation, etwa in Form von Spezialisierungen.

In Wolfach, dessen Krankenhaus ein weitreichendes Einzugsgebiet im Kinzigtal und darüber hinaus hat, wurden bisher ordentliche Bilanzzahlen erwirtschaftet. "Nach den mir vorliegenden Informationen besteht hinsichtlich des Klinikstandorts Wolfach momentan kein Anlass zu Diskussionen oder gar Spekulationen", so Bürgermeister Thomas Geppert.

Das Klinikum genieße in der Raumschaft und Region einen guten Ruf, den es gelte fortzuführen. "Für Wolfach wie für die Region ist die Versorgung auf kurzem Weg im Kinzigtal wichtiges Element im Gesamtgefüge der Daseinsvorsorge und Versorgung", betonte er.

INFO

Ortenau-Klinik

Das Ortenau Klinikum ist ein Eigenbetrieb des Ortenaukreises, vertreten durch den Landrat Frank Scherer. Mit rund 5300 Mitarbeitern ist es der viertgrößte kommunale Klinikverbund in Baden-Württemberg. Es verfügt über Fachkliniken und medizinische Zentren, deren medizinische und pflegerische Kompetenz sowie Erfahrung weit über die Region Südbaden hinaus bekannt sind. An neun Klinikstandorten in der Ortenau mit 1707 Planbetten hat es den Anspruch, gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten eine umfassende und wohnortnahe Gesundheitsversorgung auf hohem Niveau zu gewährleisten. Dazu bekennt sich der Träger, der Ortenaukreis, in Verantwortung gegenüber seinen Bürgern.