Einst Teil einer Wehrburg, ist der Storchenturm heute das Wahrzeichen der Stadt. Helgard Schmuck hat bei einer Führung rund 25 Besuchern gezeigt, was das Gemäuer nach seiner Sanierung zu erzählen hat.

Lahr. Schmuck kam bei der ersten Führung nach der aufwendigen Restaurierung des Storchenturms vor allem auf die Geschichte der militärischen Anlage der Geroldsecker an der Schutter sowie die damit verbundene Herrschaft zu sprechen. Die Geroldsecker seien im Mittelalter "aus dem Dunkel ins Helle" getreten, so die Führerin. Die genaue Herkunft des Geschlechts sei unklar. Ihre erste Erwähnung stamme von 1080, als sie den "rauen Kasten" auf dem Schönberg, die Hohengeroldseck, bauten. Zum Vergleich: Die Hohengeroldseck hat eine Grundfläche von rund 400 Quadratmetern, die spätere Lahrer Tiefburg das Zehnfache.

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Die Burg an der Schutter diente militärische Zwecken, das bewiesen fehlende Anlagen rund um Graben und Mauer sowie die wehrhafte Befestigung mit den vier Türmen. Dagegen habe die Anlage auf dem Schönberg, die kurze Zeit nach der Tiefburg gebaut wurde, repräsentativen Charakter gehabt.

Die Leistung der Baumeister, die die Lahrer Tiefburg errichteten, war gewaltig, verdeutlichte Schmuck. So seien für das Bauwerk rund 55 000 Tonnen Sandstein vom Altvater herangeschafft worden. Die Mauern waren 2,6 Meter dick, der Wohnturm 19 Meter hoch –­ nach dem damaligen Niveau gemessen. Schmuck machte ihre Zuhörer darauf aufmerksam, dass bei der Stadtmauer gegenüber der Stadtmühle der Unterschied zwischen dem damaligen und heutigen Oberflächenniveau besichtigt werden könne, der durch den "Zivilisationsmüll" in den vergangenen Jahrhunderten entstanden sei.

Steinmetzzeichen waren eine Art Stundenzettel

Am Storchenturm sind 20 verschiedene Steinmetzzeichen nachgewiesen, die einst als eine Art Stundenzettel dienten. Damit markierten die Meister, was sie geleistet hatten – bis zum nächsten Zeichen. Die damaligen Baumeister kannten laut Schmuck keine Statik. "Sie bauten nur nach ihrer Erfahrung." Das sei aus heutiger Sicht teilweise "recht schlampig gewesen". Allerdings wären auch erste Versuche um 1900, den Turm zu restaurieren, fehlerhaft gewesen. Alles zusammen haben die aufwendige Restauration nötig gemacht.

Bei der aufwändigen Sanierung ist die Statik des Turms stabilisiert und sind umfangreiche Sandsteinrestaurierungen vorgenommen worden. Außerdem wurden im Turm moderne Schautafeln aufgestellt, die über die Herrschaft der Geroldsecker, die Entwicklung der Stadt Lahr und die verschiedenen Phasen der Restaurierung informieren. Bei der Gelegenheit zeigte Schmuck direkt unterhalb des gigantischen hölzernen Dachstuhls, der die Spitze trägt, wie weit sich die Herrschaft der Geroldsecker ausdehnte.

Der Name Storchenturm ist dagegen recht modern. Laut Schmuck haben dort bis in die 1960er-Jahre regelmäßig Störche genistet. Erst als die Feuchtwiesen der Umgebung zunehmend versiegelt wurden, seien die Störche ausgeblieben. Der Name aber ist geblieben.

INFO

Burggeschichte

Die Lahrer Tiefburg wurde von 1218 bis 1235 von den Geroldseckern errichtet. Die Herren von Geroldseck hatten Macht erlangt, nachdem das Geschlecht der Zähringer in der männlichen Linie 1218 erloschen war. Der Stauferkaiser Friedrich war 1218 in Mahlberg, wo er den Gerolds-eckern den Bau der Burg erlaubte. Ein weiterrer Grund für den Aufstieg des Geschlechts waren die reichen Silberfunde der Bergwerke in Prinzbach, die zur Herrschaft gehörten. Die Niederlage Walters von Geroldseck, seit 1260 Bischof von Straßburg, bei der Schlacht von Hausbergen anno 1262 stoppte den Aufstieg des Geschlechts. Mit dem Abstieg der Gerolds-ecker begann umgekehrt der Aufstieg der Stadt Lahr. Das Stadtrecht stammt aus dem Jahr 1278 und wurde 1377 erneuert. Die Herrschaft der Geroldsecker wurde bereits 1277 geteilt: in die Herrschaft der "Hohengeroldseck" mit dem Flecken Seelbach, dem Schloss auf dem Schönberg, Besitzungen im Kinzigtal und Sulz am Neckar – und die andere Herrschaft Lahr und Mahlberg mit Besitz in der nördlichen Ortenau, im Breisgau und im Elsass. 1677 wurde Lahr im "Holländischen Krieg" von französischen Truppen zerstört. Die Ruine der Burg wurde abgetragen. Nur der Storchenturm blieb stehen und diente bis 1862 als eine Art Untersuchungsgefängnis.