Von Herbert Schabel

Kappel. Wer das Gartengrundstück von Esther Kolb betritt, wird von vier kleinen Hunden begrüßt, die aufgeregt mit dem Schwanz wedeln, in die Luft springen und überhaupt einen quietsch­fidelen Eindruck machen. Die Tiere sind dem Hundeelend in Rumänien entkommen.

Auf die Frage nach der Rasse ihrer Tiere antwortet die 67-Jährige schmunzelnd: "Eine rumänische Straßenkreuzung." Am ehesten lassen sich ihre Hunde als Labrador-Dackel-Mischung beschreiben. Es sind vier freundliche Hundedamen mit den Namen Diva, Sunny, Kira und Cherie, alle zwischen zwei und fünf Jahren alt. In Rumänien drohte ihnen ein hartes Schicksal, doch dann hatten sie das Glück, nach Deutschland geholt zu werden.

Die Zahl der streunenden Hunde in Rumänien wird auf bis zu zwei Millionen geschätzt, allein in der Hauptstadt Bukarest mit ihren 1,7 Millionen Einwohnern leben zwischen 40 000 und 60 000 herrenlose Hunde. Hintergrund: Diktator Ceausescu, der bis zur Revolution 1989 Rumänien beherrschte, wollte das landwirtschaftlich geprägte Land modernisieren und siedelte die Bevölkerung in Städte um. Die Landbevölkerung wurde gezwungen, ihre Haustiere zurückzulassen, war doch die Haltung von Hunden in den städtischen Wohnanlagen untersagt. Daraufhin vermehrten sich die meist unkastrierten Hunde unkontrolliert.

Menschen möchten die Kreaturen am liebsten loswerden

Viele Einwohner Rumäniens sehen in den Kreaturen keinen Wert und möchten sie am liebsten loswerden. Aufgegriffene Hunde dürfen per Gesetz getötet werden, wenn sich nicht innerhalb von 14 Tagen ein Besitzer meldet. Bis zu ihrer planmäßigen Tötung werden Straßenhunde in staatlichen Tierheimen unter bisweilen katastrophalen Umständen verwahrt.

Das Leid dieser Hunde hat Kolb so sehr bestürzt, dass sie beschlossen hat, zu helfen. Deshalb organisiert sie Hundefeste, deren Erlös sie zwei Tierheimen in Rumänien zukommen lässt, private Rettungsprojekte, die auf Hilfe angewiesen sind. Beim jüngsten Fest dieser Art auf dem Hundesportplatz in Kappel sind 1800 Euro zusammengekommen. Und sie sammelt Futterspenden, die per Lkw nach Rumänien transportiert werden.

Doch die patente Kappelerin hat auch Hunde aus Rumänien nach Deutschland gebracht, die es sich nun bei ihr gutgehen lassen können. Cherie, die kleinste aus ihrem Hundequartett, holte sie zum Beispiel persönlich im privaten Tierheim Smeura in Pitesti ab, das als größtes Tierheim der Welt gilt – ein Zufluchtsort für rund 5500 Straßenhunde, die hier aufgepäppelt werden. "Man läuft da an endlosen Reihen von Zwingern vorbei, die Hunde springen am Gitter hoch, schreien förmlich ›Hol mich hier raus‹ – ich habe Rotz und Wasser geheult, als ich das gesehen habe. Die Tiere haben mir so leid getan", erzählt sie. Kolb ist seit jeher eine große Tierfreundin, bereits als Teenager hat sie einen Schäferhund gehabt. Heute kann sie sich ein Leben ohne ihre vier Hundedamen nicht vorstellen, ist sie doch überzeugt, dass nicht nur sie den Tieren hilft, sondern auch die Tiere ihr. "Sie geben mir eine große seelische Zufriedenheit, ein Glücksgefühl", erklärt sie und schwärmt vom positiven Effekt, den der Umgang mit den Vierbeinern hat: "Viele ältere Menschen sind einsam und wissen nichts mit sich anzufangen. Ich kann ihnen nur raten, die Verantwortung für einen Hund zu übernehmen, das ist eine herrliche Beschäftigung."

Kolb, die in der Textilbranche im Außendienst beschäftigt war, geht um 5.30 Uhr in der Frühe mit ihren Hunden auf dem Rheindamm Gassi, am Vormittag arbeitet sie dann zwei Stunden im Europa-Park.

Es gibt Reis mit Hühnchen, Leberle oder Rindfleisch

Danach bereitet sie eine Mahlzeit für ihre Schützlinge zu, zum Beispiel Reis mit Hühnchen, Leberle oder Rindfleisch, außerdem erhalten ihre Lieblinge Trockenfutter. Auf dem von ihr gepachteten Grundstück am Ortsrand von Kappel gibt’s auch zwei Wasserstellen, außerdem eine große Rasenfläche zum Herumtollen – es ist offensichtlich, dass die Hunde bei ihr ein sehr gutes Leben haben. "Als die Tiere nach der langen Autofahrt aus Rumänien hier angekommen sind, haben sie gemerkt, dass etwas Neues für sie beginnt, sie mussten sich auch erst an die deutsche Sprache gewöhnen. Aber sie haben sich hier auf Anhieb wohlgefühlt", freut sie sich.

Ihre Hunde sind gut erzogen und folgen den Zurufen ihres Frauchens. Es sind aufgeweckte und agile, nichtsdestotrotz aber auch ruhige Tiere. "Im Wesen eines Hundes spiegelt sich immer auch der Charakter des Hundehalters wider", sagt Esther Kolb mit einem Schmunzeln.